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Alexander Mitscherlich hat 1963 mit dem Buch über die »Vaterlose Gesellschaft« sein theoretisch anspruchsvollstes Werk vorgelegt. Vier Jahre später hat er, zusammen mit Margarete Mitscherlich, seine publizistisch einflußreichste Untersuchung folgen lassen — die auf die ersten Nachkriegsjahrzehnte der Bundesrepublik abzielende Diagnose der »Unfähigkeit zu trauern«1. Im Untertitel werden diese Bücher als »Ideen zur Sozialpsychologie« und als Analysen der »Grundlagen des kollektiven Verhaltens« gekennzeichnet. Es bedarf nicht des Hinweises auf die zahlreichen gegenwartsanalytischen Untersuchungen über Probleme der Vorurteilsbildung und der Aggression, des Städtebaus, des Jugendprotestes und der Leistungsverweigerung, um den zentralen Stellenwert deutlich zu machen, den die Sozialpsychologie im wissenschaftlichen Lebenswerk dieses Psychoanalytikers einnimmt. Alexander Mitscherlich setzt entschlossen die Traditionslinie der »Analytischen Sozialpsychologie« fort. Damit übernimmt er freilich auch ein problematisches Erbe; der analytischen Sozialpsychologie hat nämlich von Anbeginn die Zweideutigkeit einer ihre Grenzen überschreitenden Individualpsychologie angehaftet.
Gewiß, die Psychoanalyse verfolgt Triebschicksale von Kindern, die in Familien heranwachsen. Sie bezieht intrapsychische Bildungsprozesse von vornherein auf die interpersonellen Beziehungen, die sich in der Interaktion des Kindes mit seinen Bezugspersonen herstellen. Objektbeziehung, Identifikation, Errichtung einer Über-Ich-Instanz sind Grundbegriffe, die es dem Psychoanalytiker erlauben, die Persönlichkeitsentwicklung auch als das Hineinwachsen in Kultur und Gesellschaft zu begreifen. Aber Freud hat sich ans methodische Vorbild der Naturwissenschaften und an Grundbegriffe der Biologie gehalten; er hat die Ich-Entwicklung als den Prozeß der Anpassung eines Organismus im Spannungsfeld zwischen Triebnatur, physischer Umgebung und sozialer Umwelt aufgefaßt — eben nicht als Sozialisationsvorgang.
Die Sozialwissens