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Es wäre nicht leicht, der Vielfalt und Tiefe gerecht zu werden, mit der sich die Gesellschaftskritik im Werk von Alexander Mitscherlich entfaltet hat, wenn er nicht selbst einen Hinweis gegeben hätte, woran seine Arbeit zu messen sei. Im Jahr 1976 schrieb er einen Essay »Massenpsychologie und Ich-Analyse — Ein Lebensalter später«. Das Buch Sigmund Freuds, das 1921, also 55 Jahre früher erschienen war, begründet in der Tat die psychoanalytische Kritik der Gesellschaft.
Bereits in der ersten grundlegenden Annahme der Psychoanalyse war die Verdrängung einer Wunschvorstellung nicht ohne den Einfluß der Familie mit ihren Erziehungsgewohnheiten und Traditionen, also nicht ohne die Einwirkung der Sozietät denkbar. Freud zögerte auch nicht, mit der sich entwickelnden Lehre gesellschaftliche Themen zu untersuchen und in groß angelegten Interpretationen Fragen der Kulturentstehung nachzugehen. So konnte er in der Einleitung zu dem erwähnten Buch zusammenfassen:
»Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne« (Freud, 1921, S. 73).
Freud ist es jedoch damals gelungen, mehr zu begründen als die Sozialpsychologie. Er wollte sich zwar einem umschriebenen Problem, der Massen-Psychologie, widmen. Doch kam bei der Untersuchung von organisierten Gruppen insbesondere von Kirche und Heer mehr zustande. Das Instrument der Psychoanalyse erwies sich als geeignet, viele, wenn nicht alle Kulturerscheinungen zu untersuchen, nicht nur die psychologischen Vorgänge zu erhellen, die bei und zwischen den vergesellschafteten Individuen eine Rolle spielen, sondern auch die gesellschaftlichen Einrichtungen selber und ihre historischen Veränderungen besser zu verstehen. Die späteren Arbeiten »Die Zukunft einer Illusion« und »Das Unbehagen in der Kultur« beruhen auf der Entwicklung de