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Überblickt man die psychoanalytische und philosophische Forschungsliteratur der letzten Jahre, so gewinnt man den unvermeidlichen Eindruck, daß der Dialog zwischen diesen beiden Wissenschaften zunehmend einer »splendid isolation« weicht. Das Provokante des Freudschen Unbewußten für eine philosophische Bewußtseinstheorie wie umgekehrt das Interesse der Psychoanalyse an seiner begrifflichen Vorgeschichte und Reichweite scheinen unzeitgemäß zu sein oder haben sich vielleicht in dem zuletzt noch von der »Kritischen Theorie« getragenen Diskussionshöhepunkt erschöpft. Mag auch in anderen Ländern (insbesondere in Frankreich) der interdisziplinäre Gesichtspunkt noch nicht seine Geltung eingebüßt haben: Für die Bundesrepublik gilt psychoanalytisch der Vorrang einer verfahrensmäßigen, internen Selbstverständigung vor aller metatheoretischen Diskussion, dem auf Seiten der Philosophie eine ebenso selbstbezogene Konzentration auf wissenschaftstheoretische Grundlagenprobleme entspricht.
Um so erfreulicher ist es, in einer genuin philosophischen Arbeit wieder auf eine Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse zu stoßen: Hans Blumenbergs jüngste Veröffentlichung, die unter dem Titel »Die Lesbarkeit der Welt« eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion der naturphilosophischen Hermeneutik vorlegt, analysiert Freuds Traumdeutung als das neben der modernen Genetik bedeutsamste Modell gegenwärtiger Daseinsdeutung.
Mit dieser akzentuierten Psychoanalyse-Referenz betritt Blumenberg keineswegs Neuland. Sein »opus magnum« zur Geschichte der für die Neuzeit bestimmenden Denkmodelle zeugt von einer Vertrautheit mit psychoanalytischer Denkweise, die weit über das bloße Referieren geistesgeschichtlicher Zusammenhänge hinausgeht: »Die Legitimität der Neuzeit« , »Die Genesis der kopernikanischen Welt« und »Arbeit am Mythos« beziehen sich nicht nur im jeweiligen Kontext auf den psychoanalytischen Beitrag zum Selbstverständnis moderner Subjektivität, sondern machen darüber hinaus einen fundamentalen