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Legt man das Geburtsjahr der Psychoanalyse auf das Jahr 1893, in welchem Breuer und Freud gemeinsam die vorläufige Mitteilung »Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene« veröffentlichen, dann sind nunmehr 40 Jahre psychoanalytischer Forschung verflossen. Seither ist die Psychoanalyse Gegenstand der gegensätzlichsten Stellungen gewesen, auf der einen Seite fand sie Anerkennung bis zur begeisterten Bewunderung, auf der anderen Seite Ablehnung bis zur erbitterten Bekämpfung. Die gegenwärtige Gesamtlage fordert erneute Einwertung.
Will man sich vergegenwärtigen, was Psychoanalyse ist, so bilden die Vorwürfe und Mißverständnisse, denen sie auf ihrem Entwicklungswege ausgesetzt war, einen guten Leitfaden. Es hieß von Anfang an, die Psychoanalyse überbewerte die Sexualität, sie erkläre alles, auch die höchsten und heiligsten Dinge aus ihr. Die neurotischen Erkrankungen beruhten auf einem mangelnden Sichausleben, es gelte also, die Hemmungen fallen zu lassen, sich auszuleben, um nicht in eine Neurose zu verfallen. Wie hebt sich von diesem primitiven Mißverständnis die wirkliche psychoanalytische Lehre ab? Die Psychoanalyse hat niemals die Behauptung aufgestellt, es gäbe nur Sexualtriebe. Sie hat auch nie die Neurosen allein aus der Sexualität abgeleitet, sondern vielmehr aus einem Konflikt zwischen dem Ich, der Persönlichkeit des Menschen und seinem Triebleben. Und nicht allein aus einem Konflikt mit der Sexualität, wie man sie populärerweise versteht, sondern überhaupt aus einem Konflikt mit seinem gesamten Trieb- und Affektleben, also z. B. auch mit den allen Menschen innewohnenden gewaltsamen, feindseligen, destruktiven Tendenzen. Der Neurotiker ist ein Mensch, der an der Lösung solcher Konflikte gescheitert ist, ein Mensch, dem es nicht gelungen ist, diese Regungen unter die ordnende und beherrschende Macht seines geistigen Ichs zu bringen. Der Neurotiker hat den zum Mißglücken verurteilten Versuch gemacht, sich den lästigen Impulsen seines Trieb- und Affek