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Die moderne Geburtshilfe in hochindustrialisierten Ländern betrachtet die Geburt als medizinisches Ereignis, bei dem mit Hilfe technischer Überwachung und medikamentöser bzw. operativer Eingriffe die größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind erreicht werden soll. Die Vernachlässigung soziopsychologischer Einflüsse auf den physiologischen Prozeß von Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett wurde in den letzten Jahren von der Frauenbewegung angeprangert und durch die Rückkehr zu einer »natürlichen Geburt« (Hausgeburt, Ablehnung von Medikamenten, Leboyer-Methode der sanften Geburt) der Versuch unternommen, den Bedürfnissen der Frauen mehr gerecht zu werden.
Was ist eine »natürliche Geburt«? Gibt es Kulturen, in denen kein Einfluß auf den »natürlichen« Ablauf einer Entbindung genommen wird?
Daß es eine »natürliche Geburt« nirgendwo gibt, daß sich dieses außergewöhnliche Ereignis im Leben der Menschen in allen Gesellschaften nach bestimmten Regeln vollzieht, zeigt die amerikanische Anthropologin B. Jordan in ihrem einführenden Aufsatz »Die Geburt aus der Sicht der Ethnologie« in dem Sammelband »Die Geburt aus ethnomedizinischer Sicht«. In diesem Sonderband der ethnomedizinischen Zeitschrift »Curare« werden die redaktionell überarbeiteten Vorträge der IV. Internationalen Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin über traditionelle Geburtshilfe und Gynäkologie in Göttingen vom 8.—10. 12. 1978 veröffentlicht. Als Ziel der Aufsatzsammlung nennt H. Kirchhoff in seinem Vorwort, durch »eine kultur-anthropologische Ausrichtung eine geänderte, d. h. eine erweiterte Einstellung zur Geburt und zum Gebären« zu vermitteln. In über dreißig Beiträgen werden Feldforschungsergebnisse, kulturhistorische Betrachtungen, ethnographische Beobachtungen über Geburtspraktiken und Sexualität sowie Erfahrungen mit verschiedenen Gebärhaltungen in der modernen Geburtshilfe dargestellt und teilweise durch Fotographien illustriert. Die noch verhältnismäßig undifferenzierte Methodik der Ethnom