You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Seit Freuds bahnbrechender Formulierung von 1908, daß der Dichter die in der »Traumdeutung« entdeckte Wunscherfüllung durch unbewußte Phantasien nicht nur öffentlich, sondern zugleich unter Freisetzung eines schuldfreien Lustgewinns darstelle (»Der Dichter und das Phantasieren«), hat sich die Psychoanalyse immer wieder dem Medium Literatur als außertherapeutischer Bestätigung ihrer Entdeckungen zugewandt. Im »Familienroman«, so Freuds bereits aus den Anfängen der Psychoanalyse stammende, kongeniale Metaphorisierung der Verwandtschaft zwischen poetischer und neurotischer Triebabwehr (Brief an Fließ vom 20. 6. 1898), teilen Psychoanalytiker und Dichter den Gegenstand ihres Interesses, die menschliche Seele in all ihrer Vielfalt, ihrer Tiefe und vor allem ihren Leidenserfahrungen. Nicht von ungefähr sind daher viele metapsychologische Überlegungen literarischen Kontexten als einer vorfreudianischen analytischen Tradition verpflichtet, bzw. verdanken sie sich, wo es um die Formulierung einer »conditio humana« geht, überhaupt deren frühester literarischer Symbolisierung im Mythos (vgl. Ödipus, Narziß u. a.).
Bei soviel Nähe dieser beiden Medien kann jedoch ein wissenschaftstheoretischer Konflikt nicht ausbleiben. An erster Stelle ist es natürlich die Literaturwissenschaft selbst, die hier Einspruch erhebt. Bei aller Anerkennung der fruchtbaren Einflüsse der Psychoanalyse — namentlich in der Vermittlung beider Verfahren durch eine »Tiefenhermeneutik« — verbleibt doch oft ein philologisches Unbehagen gegenüber dem formalen Ungenügen der Psychoanalyse, der eine allzu große Fixiertheit auf biographische und psychopathologische Zusammenhänge, d. h. ein Mißachten des Werks zum Vorwurf gemacht wird. Hinzu kommt, vor allem von seiten der Literatursoziologie, der Hinweis auf die sozialgeschichtliche Dimension des Literarischen, die nicht einer psychologischen Verengung des Horizonts verfallen dürfe — eine Problematisierung allerdings, die, im Sinne einer konstruktiven Auseinanders