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»In der »Theorie« wurde der Irre seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von seinen Ketten befreit, wurde ihm auf dem Hintergrund medizinischen Erkenntnisfortschritts eine Krankenrolle zugewiesen.« So heißt es im Klappentext der Studie »Der verwaltete Wahnsinn« von Dirk Blasius. Doch wie der Autor, Professor für
Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Essen, zeigt, kam es bereits im 19. Jahrhundert zu einer »bürokratischen Überformung der Psychiatrie«, erfolgte »ihre Einbindung in das System staatlicher Sicherheitsinteressen«. Wie sah also die Wirklichkeit aus?
Blasius hat versucht, in seiner »Sozialgeschichte des Irrenhauses« die sich im wesentlichen auf deutsche, preußische Quellen stützt, Antwort auf Fragen dieser Art zu finden: »Diese Arbeit versucht im Rückgriff auf die Geschichte der psychiatrischen Versorgung zu zeigen, daß deren Defizite heute mit einer Vergangenheit zu tun haben, in der der Irre nicht als Kranker gesehen, sondern als Sicherheitsrisiko für Staat und Gesellschaft eingestuft wurde« (S. 9) — so schreibt Blasius in seinem Vorwort, und weiter: »Der Irre verfiel einer gesellschaftlichen Rationalität, die Freiräume für Irrationales nicht mehr zuließ. Der »Wahnsinn« wurde verwaltet und in Asylen zum Verschwinden gebracht« (S. 9). Damit greift der Sozialhistoriker Foucaults These vom inneren Zusammenhang zwischen allgemeinem gesellschaftlichen Vernunftsprozeß und dessen Verdrängungsenergien gegenüber dem sogenannten Irrationalen auf. Doch anders als Foucault wendet sich Blasius der eigentlichen Organisierungsphase des Irrenwesens zu, der Psychiatriegeschichte des 19. Jahrhunderts, und anders als Foucault sützt sich Blasius dabei auch ausgiebig auf umfangreiches unveröffentlichtes Quellenmaterial.
Tatsächlich fördert diese Vorgehensweise einer Geschichtsschreibung aus der Sicht der Betroffenen, einer »Geschichte von unten«, wie Blasius es nennt, Resultate zutage, welche die theoretische Pauschalität mancher psychiatriekritischen Darstellungen an entscheidende