You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
850 Seiten voll von Erörterungen komplizierter methodischer Probleme und statistischen Tabellen scheinen auf den ersten Blick keine Lektüre, einen Psychoanalytiker zu fesseln, auch wenn man hinzufügt, daß die beiden Bände auch ausführliches Fallmaterial enthalten. Als Rezensent muß ich aber gestehen, daß mich diese Lektüre geradezu fesselte. Während des Studiums der Bände klangen verschiedenste Affekte wie Faszination, Überraschung, ungläubiges Staunen, Ärger und Betroffenheit in wechselnder Intensität in mir an — nur gelangweilt habe ich mich keinen Moment. Worum geht es? Es handelt sich um den Bericht einer 1960 begonnenen und 1980 zum Abschluß gebrachten Zwillingsstudie, die mit Arbeitsgruppen in Berlin, Tiefenbrunn und Heidelberg die multiplen Determinanten der Entstehung von Neurosen systematisch zu erfassen suchte. Die Autoren wenden sich energisch gegen eine Reduzierung der wissenschaftlichen Fragestellungen auf die simple Formel »Sind Neurosen ererbt oder erworben?«, aber gerade aus dieser naiven Frage entwickelt sich der Reiz für den Leser und wahrscheinlich auch das Motiv für den bewundernswerten Arbeitsaufwand der Autoren. Um die naive Frage gleich im Sinne der Autoren zu beantworten: Neurosen sind das Ergebnis eines komplizierten Interaktionsprozesses von Anlage- und Umweltfaktoren, der sich aber deutlich differenzieren läßt. Jeder Informierte konnte natürlich nur eine solche Antwort erwarten, doch in der Differenzierung liegt die Würze des Projekts.
Die Methodik von Heigl-Evers und Schepank mit ihren Arbeitsgruppen ist die Zwillingsforschung. D. h. es ist nicht die Zwillingsmethode, weil hinter diesem Begriff eine Vielzahl methodisch verschiedener Verfahren steht, sondern es ist Zwillingsforschung. Die Probleme, die durch den so gewählten Zugang entstehen, sind den Autoren nur zu bewußt, und sie gehen ausführlich auf sie ein (Bd. I, S. 53 ff. und 226 ff.). Der hauptsächlichste und emotionalisierte Vorwurf gegen die Methode ist wohl, daß sie per se zu »er