You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Denken ist eine Art Probehandeln, und schreiben und publizieren heißt immer auch sondieren. Versucht man zum Beispiel, sich und anderen die aktuelle Verfassung der Psychoanalyse verständlich zu machen, indem man sie als das vorläufige Resultat der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung und der in ihr entwickelten Theorien deutet, so wird man — entsprechend dem historisch-empirischen Gehalt und der Plausibihtät der Argumentation einerseits, den Interessenlagen der Leser anderseits — mit Zustimmung, Kritik und Ablehnung rechnen können. In bestimmten Fällen aber provozieren solche Versuche einer historisch gerichteten Aufklärung eine ganz andere, in therapeutischem Zusammenhang wohlbekannte, im Verkehr zwischen Autor und Publikum aber selten sich manifestierende Reaktion. Was als Einladung, sich zu erinnern, gedacht war, wirkt dann im Felde unbehaglicher Spannungen, gespaltener Loyalitäten und verhohlener Selbstvorwürfe wie ein Katalysator, der eine fast schon gesättigte Lösung jählings umschlagen läßt, so daß, was der Autor diagnostizierte, von betroffenen Lesern nicht verstanden, nicht akzeptiert oder bestritten, sondern reproduziert, dargestellt wird. Antwortet der Probebohrung auf einem als möglicherweise ergiebig ausgewiesenen Feld eine Eruption, gar eine Fackel, so ist das ebensowohl eine Bestätigung der geophysikalischen Prospektion wie eine Erschwerung des weiteren Vorgehens. Denn die Fackel muß erst gelöscht, ihr Auftreten verstanden, oder, in unserem Zusammenhang: die symptomatische Reaktion muß erst entschlüsselt werden. Im Kontext der beiden, dem Thema »Psychoanalyse unter Hitler« gewidmeten Hefte unserer Zeitschrift (11/1982 und 12/1983) haben die Texte »Kapitulation vor der »Weltanschauung«« (Psyche, 37. Jg., S. 1116-1135) und »Jasager und Weißwäscher« (a. a. O., S. 1146-1150) eben diese Funktion eines provokativen Reizes erfüllt, der — nach einer Inkubationszeit von etwa acht Wochen — die unerwartete Manifestation eine