You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Nitzschkes These zur Begriffsgeschichte des Es ist, daß eine jahrzehntelange unkritische psychoanalytische Zitiertradition die Hinweise Freuds und Groddecks ungeprüft übernommen habe, denen zufolge der Begriff des Es von Nietzsche stamme, bei dem er jedoch nicht aufzufinden sei. Dieser ungerechtfertigte Verweis auf Nietzsche habe seinen Sinn darin, andere Quellen der Psychoanalyse zu verdecken, so daß das Werk Freuds weiterhin als »Kopfgeburt«, als voraussetzungsloser und genialer Neuentwurf habe bestaunt werden können. Nitzschke findet die anderen Quellen: E. von Hartmann, so stellt sich heraus, hat den Begriff des Es mit großem Anfangsbuchstaben zuerst formuliert und es dem Unbewußten zugerechnet; er zitierte Adolf Bastian: »Daß nicht wir denken, sondern daß es in uns denkt, ist jedem klar, der aufmerksam auf das zu sein gewohnt ist, was in uns vorgeht«, und fährt fort: »Dieses Es aber liegt (…) im Unbewußten« (zit. nach Nitschke, 1983, S. 798). Dies also wäre die eine Henne für das Ei (Es), wie Nitzschke formuliert. Die andere Linie der Vorfahren wird durch die Namen Lichtenberg — Feuerbach — Weininger abgesteckt. In diesen Quellen wird »es« nicht substantiviert, zur eigenständigen Instanz z. B. des Unbewußten, sondern tritt in der Form des »es denkt« als Gegensatz zum »ich denke« auf. Es lohnt, die bemerkenswerten Zitate nochmals anzuführen:
Lichtenberg: »Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zuviel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis« (Nitschke, 1983, S. 800).
Feuerbach: »Wenn auch das »Ich denke« sich vom Leibe unterscheidet, folgt daraus, daß auch das »Es denkt«, das Unwillkürliche in unserem Denken, die Wurzel und die Basis des »Ich denke« vom Leibe unterschieden ist?« (Nitschke, 1983).
Ganz offensichtlich hält Nitzschke die erste »Henne« für die wichtigere: »Der einzige Autor, der das Es als Begriff selbstständig und ohne den Zusatz »es denkt/Es den