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Es waren einmal drei Brüder. Die trafen einen Mann, der sein Pferd verloren hatte. Auf seine Frage, ob sie es gesehen hätten, beschrieben sie es ihm, ohne zu zögern: es sei auf einem Auge blind, trage zwei Schläuche auf dem Rücken, einen mit Wein, den anderen mit Ol gefüllt. Sie hätten das Pferd also gesehen? fragte der Mann. Nein, gesehen hätten sie es nicht! Wegen dieser unerklärlichen und somit verdächtigen Antwort wurden die drei Brüder nun des Diebstahls angeklagt und mußten sich einer Gerichtsverhandlung stellen. Dieser Auftritt wurde für die Brüder zum Triumph: sofort und ohne Mühe demonstrierten sie dem Richter und dem staunenden Publikum, wie sie das Aussehen eines Tieres, das sie noch nie gesehen hatten, an Hand von kleinsten Indizien rekonstruieren konnten! Das überzeugte die Zuhörer, und man ließ sie ungestört wieder ihrer Wege gehen … Allein die äußerst wachen Sinne dieser drei Brüder aus dem orientalischen Märchen ließen sie die flüchtigen, aber charakteristischen Spuren des Tieres wahrnehmen, wo ein anderer wahrscheinlich mit festem Schritt und stumpfem Auge vorbeigegangen wäre.
Das Streben nach Wachheit der Sinne, nach unbedingter und ständiger Bereitschaft zur Wahrnehmung auch der unterschiedlichsten und oft unverständlichen Beobachtungen zieht sich selbst als Spur, als roter Faden durch die Aufsatzsammlung von Carlo Ginzburg, die 1983 bei Wagenbach erschien: »Spurensicherungen. Über verborgene Geschichte, Kunst und soziales Gedächtnis.« Carlo Ginzburg ist eigentlich Historiker. Er wurde 1939 in Turin geboren und lehrt seit einigen Jahren neuere Geschichte in Bologna. In Deutschland wurde er bekannt durch ungewöhnliche Bücher zu Kunst und Geschichte: »Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600« (), »Die Benandanti« () und »Erkundungen über Piero. Piero della Francesca — ein Maler der frühen