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Geehrte Redaktion,
den Kommentar zum Artikel von der »Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule im Gesundheitswesen«, den zu schreiben Sie Fritz Morgenthaler gebeten haben, kann er nicht liefern: er ist am 26. Oktober 1984 unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben. Ich danke Ihnen, daß Sie mir erlauben, für meinen lieben verstorbenen Freund einzuspringen. Ich kenne seine Ideen über Homosexualität und teile seine Ansichten. Natürlich ist dies nicht sein Kommentar, lediglich der eines Gleichgesinnten.
Sie wollten einen »kompetenten psychoanalytischen Kommentar« einholen, da in dem Artikel für die »skeptische Haltung der (psychoanalytischen) Ausbildungs- bzw. Unterrichtsausschüsse« gegenüber homosexuellen Kollegen und Kolleginnen »eigentlich nur Vorurteilsgründe« zum Vorschein gekommen seien. »Weil es keine anderen als Vorurteilsgründe gibt«, lautet meine Antwort. Deshalb ist mein Kommentar nicht »psychoanalytisch«, sondern lediglich der eines Psychoanalytikers. (Die psychoanalytische Diskussion »der Homosexualität« und Studien zur Sexualtheorie sind an sich wichtig und interessant, doch ist davon zur Frage der Zulassung zur Ausbildung nichts zu erwarten oder etwa so viel wie von Untersuchungen der Sprachentwicklung des Kindes oder linguistischer Probleme zur Frage der Zulassung zum Studium der Romanistik oder Sinologie.)
Daß ich wie der Autor des Aufsatzes lediglich »Vorurteilsgründe« sehe, mag erstaunen, weil man geneigt ist, den Psychoanalytikern gerade auf dem Gebiet der Sexualität eine größere Freiheit von Vorurteilen zuzuschreiben, als sie in der Kultur anzutreffen ist, in der sie leben. Diese Erwartung ist nicht unbegründet; ein Beispiel ist gerade das Werk Morgenthalers (1984). Der Umstand, daß er imstande war, vorurteilsfrei über sexuelle Themen zu forschen und zu schreiben, war eine unerläßliche Voraussetzung dafür, daß es ihm gelungen ist, einen wesentlichen Beitrag zur psychoanalytischen Sexualtheorie zu leisten. Selbstverständlich ist er nicht der einzige unter den A