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Die Medizin ist für den Gesundheitszustand der Bevölkerung weit weniger relevant als allgemein angenommen wird. Die meisten Krankheiten sind effektiver, menschlicher und zudem billiger zu verhüten — indem man die Bedingungen ihrer Entstehung beeinflußt —, als durch Eingriffe in ihren Mechanismus (entsprechend dem Krankheitskonzept der klassischen Medizin) zu behandeln. Dies sind, stark vereinfacht, die Hauptthesen eines medizinkritischen Buches, das in der Bundesrepublik bisher nicht die verdiente Beachtung gefunden hat, obwohl es seit geraumer Zeit auch in deutscher Übersetzung und in einer leicht zugänglichen Ausgabe vorliegt.
Das Werk des emeritierten Ordinarius für Sozialmedizin der Universität Birmingham erschien 1976 unter dem Titel: »The Role of Medicine — Dream, Mirage, or Nemesis?« Seitdem erregte es zwar international Aufsehen, wurde aber von der deutschen Medizin (nicht von den Sozialwissenschaften) fast völlig ignoriert. McKeowns These von der relativen Bedeutungslosigkeit der Medizin bezieht sich durchaus nicht nur auf die modernen Zivilisationsleiden; vielmehr trägt der Autor eine Fülle von Daten und Fakten zusammen, mit denen sich nachweisen läßt, daß selbst der Rückgang der Infektionskrankheiten nur ganz marginal der Medizin zuzuschreiben ist — deren Renommee gerade darauf gründet.
In einem kritischen Rückblick auf die Vergangenheit stützt er sich auf epidemiologische Daten aus England und Wales, denn dort wurde schon seit 1838 eine Todesursachen-Statistik geführt. Das Material reicht bei aller Unvollkommenheit aus, um bestimmte Krankheitstrends aufzuzeigen, die sicher auch auf andere Industriestaaten übertragbar sind. Die Sterblichkeit an den Infektionskrankheiten, das läßt sich eindeutig belegen, sank schon lange bevor spezifische medizinische Interventionen (Impfungen, Chemotherapie) möglich wurden. Nur ein einziges Beispiel: Am Rückgang der Tuberkulose-Mortalität seit 1848 hat die Chemotherapie nur einen Anteil von 3,2 Prozent.
Die wichtigste Determ