You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
An den Herausgeber der Psyche Prof. Helmut Dahmer
Rio, 24. Januar 1985
Ich schreibe Ihnen mit Bezug auf den Artikel »Traurige Psychotropen« von Prof. Hans Füchtner im Juliheft 1984 Ihrer Zeitschrift.
Ich bin ordentliches Mitglied und Lehranalytikerin der Psychoanalytischen Gesellschaft von Rio de Janeiro (SPRJ), war vom 27. Oktober 1982 bis 10. Januar 1985 deren Präsidentin und habe an den Ereignissen, die in dem erwähnten Artikel behandelt werden, sehr aktiv teilgenommen. Darum glaube ich, daß ich kompetent bin, über unsere Gesellschaft vor, während und nach der Krise Auskunft zu geben.
Zwei Umstände haben mich zur Niederschrift dieser Stellungnahme veranlaßt. Zum einen scheint Prof. Füchtner — obwohl er betont, daß ihm »die Gesprächsbereitschaft mehrerer an dem Konflikt beteiligter und unbeteiligter Analytiker … sehr hilfreich« gewesen sei — seine Erkenntnisse nicht nur über unsere Krise, sondern auch über Psychoanalyse und Psychoanalytiker in Brasilien ausschließlich auf Informationen von Analytikern zu stützen, die unmittelbar in den Konflikt verwickelt waren. Und zum anderen geht er zwar mit großer Ausführlichkeit auf den Höhepunkt der Krise ein, vernachlässigt aber ihre Vorgeschichte und weitere Entwicklung. Es steht zu befürchten, daß diese Art der Zuspitzung eines so komplexen Phänomens ein schiefes Bild unserer Gesellschaft, der beteiligten Menschen und der Psychoanalyse, wie sie bei uns praktiziert und gelehrt wird, vermittelt.
Die Psychoanalyse hatte in Brasilien einen verspäteten Start. Unsere Gesellschaft — die zweite, die als Zweigverband der IPV anerkannt wurde — besteht inzwischen 29 Jahre. Prof. Werner Kemper aus Berlin war unser erster Lehranalytiker. Es war sicherlich eine schwere Aufgabe für diesen nicht mehr ganz jungen Mann, sich an eine so fremde Kultur anzupassen, unsere Sprache zu erlernen und die erste Gruppe künftiger Psychoanalytiker zu analysieren. Vielfältige Probleme tauchten auf; doch kann ich bezeugen, daß die Weitervermittlung der Einsic