You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Richard Sennetts viel beachtetes Buch handelt von der Öffentlichkeit als einer sichtbaren Ordnung des gesellschaftlichen Lebens, das Fremde pflegen, wenn sie einander im sozialen Raum der Stadt begegnen. Diese Auffassung von Öffentlichkeit entwickelt Sennett anhand der Geselligkeitsformen in Paris und London um 1750. Das starke — durch Zuzug aus dem Umland bedingte — Wachstum der Bevölkerung in diesen beiden Städten hatte den Umgang mit Fremden zum Problem werden lassen. Die einander Unbekannten begriffen sich als Publikum und gaben ihrem Verhalten eine öffentliche Ordnung. Für Sennett unterscheidet sich dieses Publikum von der passiv rezipierenden Zuschauermenge, als die sich das Publikum heutzutage meistens versteht, durch Regeln intentionalen Handelns, mit denen die Fremden füreinander Glaubwürdigkeit herstellten und ihrem privaten Lebensstil eine Grenze zogen. Kleidung und Sprache signalisierten, als wer man auftrat bzw. wie man seine soziale Stellung gesehen haben wollte. Einem Sachverhalt durch Kleidung und Sprache Ausdruck zu geben, besaß Glaubwürdigkeit in sich — und nicht erst dadurch, daß das Ausgedrückte mit dem Gefühlszustand der handelnden Person übereinstimmte. Da die soziale Wahrnehmung in jener Zeit somit auf nichts hinter der Expression Liegendes, Verborgenes verwies, konnten die Menschen sich in der Öffentlichkeit unbefangen, spontan verhalten.
Sennetts ausführliche Beschreibung der Öffentlichkeit in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts läßt den Leser zumindest vorübergehend vergessen, daß sie dem Autor als Kontrastfolie zum »Verfall der Öffentlichkeit« in unserer Zeit dient. In jener Gesellschaft sei »die Schauspielerei in Gestalt von Umgangsformen, Konventionen und rituellen Gesten … der Stoff«