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Für viele Leser bedeutete die Lektüre der Tagebücher Thomas Manns, die seit 1977 erscheinen, eine Erschütterung jenes Idealbildes des väterlichen, würdevoll-repräsentativen Nationalschriftstellers, an dessen Herstellung Mann selbst zeitlebens kräftig mitgearbeitet hatte. Die erschreckende Ichbesessenheit, der Mangel an menschlicher Wärme in seinen Beziehungen, die neurotische Reizbarkeit und die von ihr bedingte fast kindliche Schutzbedürftigkeit, welche sich in den nun veröffentlichten privaten Aufzeichnungen bekunden, enttäuschten die Verehrer seines Werkes, verunsicherten manchen Kritiker und forderten die Thomas-Mann-Forschung zu erneuter Anstrengung heraus. Eine Revision war fällig, die Zeit der idealisierenden Darstellungen, welche sich vor allem an den Selbststilisierungen des Künstlers orientierten, war endgültig vorbei.
Hans Wysling, dem Leiter des Zürcher Thomas-Mann-Archivs, kommt das Verdienst zu, mit diesem Buch ein umfassendes und überzeugendes, weil auf genauester Kenntnis des Gesamtwerks, des reichhaltigen Nachlasses und der Forschungsliteratur basierendes neues Konzept vorgelegt zu haben, das es uns nun ermöglicht, das Schriftstellerleben von Thomas Mann als lebenslänglichen Kampf mit großen inneren Widersprüchen zu verstehen, als eine in ihrer Art heroische Form der künstlerischen Daseinsbewältigung, der man seinen Respekt nicht versagen kann. Der problematische Persönlichkeitsaspekt, den die Tagebücher nun verraten, der aber dem Kenner auch früher nicht ganz entgangen sein wird, ist ein integrierender Bestandteil dieses neuen realistischen Thomas-Mann-Bildes.