You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Als ich die Einleitung zum Thema der Tagung verfaßte, um Sie mit den Problemen und Konzepten des Narzißmus noch einmal vertraut zu machen — wie es meine Aufgabe ist —, erinnerte ich mich an einen 1979 erschienenen Aufsatz von Mitscherlich-Nielsen über »Psychoanalyse und weibliche Sexualität«. In diesem Aufsatz zitiert Mitscherlich-Nielsen Freuds Arbeit über »Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschiedes«, verfaßt 1925. Damals war Freud 69 Jahre alt, und er fragte sich: Was will das Weib? Das war sicherlich eine kühne Frage. Mitscherlich-Nielsen kommentiert diese Frage und schreibt — dem Sinn nach —: »Je länger sich Freud mit der weiblichen Sexualität beschäftigte, desto rätselhafter erschien sie ihm.«
Ich hoffe nicht, daß es uns mit dem Narzißten so ähnlich ergehen wird, wie es Freud anscheinend mit der weiblichen Sexualität ergangen ist. Aber ich meine, wir könnten diese Fragestellung auch auf unsere Tagung übertragen und uns fragen: Was will der Narzißt? Sollte gerade er die ominöse Tendenz haben, sich selbst zu verwirklichen, gehört er vielleicht zu der neuen Psychokiasse, die durch ähnliche Charaktere infolge ähnlicher Sozialisation repräsentiert wird und die Lasch vom »Zeitalter des Narzißmus« und Wangh vom »Narzißmus in unserer Zeit« sprechen läßt? Kreiert er, nicht nur infolge seiner Psychogenese, sondern auch als Gegenspieler zur bürokratischen Gesellschaft den unverbindlichen, den identitätslosen und windigen Typ, der schließlich nicht der Dumme sein will, ist er der unauffällige Verweigerer, dem ein Leben im Grünen genauso unsympathisch ist wie ein Leben in den Institutionen und dem autoritäre Persönlichkeiten genausowenig liegen wie radikale Wahrheitssager? Manchmal scheint es so, als würde in der Kritik an den Narzißmus-Theorien und in der Beurteilung des Narzißten auch die Antipathie gegenüber einem Lebensstil mitschwingen, der sich jedem Engagement entzieht, gegenüber einem unzuverlässigen und parasitären Typ, mit