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Als in den siebziger Jahren Cosima Wagners mit Spannung erwartete Tagebücher veröffentlicht wurden, fiel auf, daß Cosima ungewöhnlich viele Träume Richard Wagners notiert hatte. Beider Interesse am Traum war groß, sie sprachen darüber, rätselten über den Sinn von Träumen und hatten auch so etwas wie eine rudimentäre private Traumbedeutungstheorie. Ein unschätzbarer Vorteil dieser Kollektion von Wagners Träumen besteht darin, daß, wie Noll (1983) anmerkt, »Cosima noch nicht Freud gelesen hatte, also nicht gewarnt war« (S. 6). Eine spätere Hand hat ohnehin, wie aus einer Abbildung bei Noll (S. 7) hervorgeht, an den Träumen herumgestrichen und längere Passagen unkenntlich gemacht.
421 Träume sind überliefert. Sie sind gewiß nur ein Ausschnitt von Wagners Traumleben seiner letzten vierzehn Lebensjahre. Denn einmal dürfte Wagner Cosima nicht alle seine Träume mitgeteilt haben (z. B. fehlen Sexualträume, in denen Cosima oder gar andere Frauen vorkommen), zum andern hat Cosima möglicherweise nicht alle aufgeschrieben, die ihr erzählt wurden, oder sie hat ihr ungünstig erscheinende verändert. Immerhin führte sie ihr Tagebuch zur späteren Lektüre ihrer Kinder.
Trotz dieses Doppelfilters eröffnet sich dem Leser über die mitgeteilten Träume ein Blick in das Innenleben Wagners und seine Beziehungen zu nahen Personen, der in dieser Form bei keinem Künstler vor ihm möglich war. Die übliche Art der Persönlichkeitsdarstellung von Künstlern, nämlich durch Selbst- oder Fremdbeschreibung, ist hier durch ein drittes Informationsmedium, das der Willkür im allgemeinen entzogen ist, nämlich den Traum, sozusagen besser validiert.
Den Traumexperten fiel sofort die hohe Zahl von Cosima-Träumen Wagners auf. Während es an sich nichts Ungewöhnliches ist, daß Menschen von ihren nächsten Verwandten träumen — in einer Normpopulation sind 19% aller Traumfiguren Familienmitglieder oder Verwandte (Hall, 1951) —, ist Cosima allein in 33% aller Träume Wagners handelnde Traumgestalt (Muller, 1981, S. 23).