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Als wir beide, meine Frau und ich, nicht sofort antworten, wiederholt die amerikanische Kollegin ihre Frage: »Warum sprechen die Deutschen nicht?« Temperamentvoll und mit blitzenden Augen schaut sie uns an, entschlossen, nur eine handfeste Antwort und keine Ausflüchte zu akzeptieren. William Niederland hat uns durch das Gedränge des IPA-Empfanges im Hamburger Ratskeller zu ihr gelotst mit dem Versprechen, wir würden zu dieser Frage etwas sagen können. Wir versuchen es. Was auf Deutsch schon schwer ist, wird auf Englisch noch schwerer. Wir sprechen von den traumatischen Aspekten unserer nationalen Identität, von der kollektiven Abwehr unbewußter nationaler Schuld- und Schamgefühle und von den dafür verantwortlichen Gründen. Unsere Gesprächspartnerin ist von großer Direktheit, die etwas Wohltuendes an sich hat. Sie hört uns aufmerksam zu, stellt sehr präzise Fragen: z. B. wo die ersten deutschen Nachkriegsanalytiker ihre Lehranalysen gemacht haben, welche Rolle die Bearbeitung der NS-Probleme in den Lehranalysen spielt. Als wir uns von ihr verabschieden, sind wir nicht sicher, ob sie mit dem, was sie von uns zu hören bekam, zufrieden ist.
Eine andere Amerikanerin, anscheinend keine Psychoanalytikerin, die sich bei unserer Unterhaltung mit kurzen Einwürfen beteiligte, wechselt vom Englischen plötzlich über in akzentfreies Deutsch: »Wir würden Ihnen ja gerne verzeihen, aber sagen Sie, wie?« Sie ist Emigrantin aus Süddeutschland. Freundlich und etwas schüchtern schaut sie uns an. Ich möchte auffahren und ihr sagen, daß ich eine Kollektivschuld als moralisches Prinzip ablehne, und daß Schuld immer eine persönliche sei. Deshalb treffe niemanden von meiner Generation, der jetzt 40- bis 50jährigen, eine Schuld an den Verbrechen der Nazizeit. Unsere Schuld beginne erst da, wo wir es vermeiden wollten, uns mit den schwärzesten Kapiteln unserer Geschichte und seinen aktuellen Folgen auseinanderzusetzen.