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Über Jahrzehnte hat sich die »Freud-Exegese« in zweierlei Bahnen bewegt. Den mitunter wild gegensätzlichen Deutungen von Werk und Wirkungen Freuds durch die Gegner der Psychoanalyse entsprach, widersprach eine sich mehr und mehr festigende innerpsychoanalytische Freuddeutung. Je vieldeutiger das Freudbild in der Öffentlichkeit wurde, desto eindeutiger erschien es den Psychoanalytikern selbst: Freud, der große Psychologe, der große Therapeut. Das Getümmel jenseits des psychoanalytischen Einflußfeldes mochte daran erinnern, daß der Aufklärer Freud noch immer »an den Schlaf der Welt rührt«, während die schöne Eindeutigkeit des innerpsychoanalytischen Freudverständnisses sich allmählich mit Selbstversicherung und Selbstzufriedenheit anreicherte. Nun aber ist ein Buch erschienen, das die interne Selbstzufriedenheit zu stören geeignet ist, indem es an den »Schlaf der Psychoanalyse selbst« rührt: Das von Ilse Grubrich-Simitis in einem Koffer aus dem Ferenczi-Nachlaß entdeckte 12. Manuskript der metapsychologischen Schriften aus den Jahren 1914/1915.
Worin liegt die Überraschung dieses Fundes? Nun, zunächst ist es der Rang des Manuskripts als »Schlußstein« der metapsychologischen Schriften, in denen Freud ein vorläufiges Resümee seines Denkens zog. Den Wert der Abhandlung verdeutlicht am besten das seinerzeitige Bedauern über den Verlust, das die Editoren der Standard Edition (und mit ihnen die Editoren der deutschen Studienausgabe) aussprachen: »Man kann den Verlust…, der uns durch das Verschwinden