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Klinisches Lesen nennt Tilmann Moser seine Methode, literarische Werke zu entziffern. Dabei geht er so vor, daß er aus einem Roman das psychische Material — die Gefühle, Gedanken und Handlungen der Personen — herausschält und sie den Befunden der psychoanalytischen Forschung gegenüberstellt. Ginge es bei diesem Unterfangen lediglich um ein Umschreiben von literarisch Gestaltetem in eine psychologische Begrifflichkeit, so wäre klinisches Lesen wohl nichts weiter als eine interessante Stilübung. Doch Mosers Begründung für seine Art Lesen greift tiefer: Zum einen findet sich vornehmlich in der modernen Literatur sehr viel Tiefenpsychologisches und Pathologisches. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Modeerscheinung: Es besteht heute ein sensibilisiertes Bewußtsein über diese Tatsachen, und die »Entfremdung im Innersten des Subjektes« ist in der modernen Gesellschaft tatsächlich verbreitet. Zum andern erachtet Moser Lesen nicht als eine neutrale Tätigkeit, bei der ein literarischer Text als etwas Objektives, vom Leser Unabhängiges vor einem liegt. Der intensive Leser gibt sich bei der Lektüre in die Romanwelt hinein; er reagiert mit Gefühlen auf die literarischen Personen. Moser vergleicht dieses Leseerlebnis mit der Gegenübertagung