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Lloyd de Mause ist mit seinen Arbeiten zur »Psychohistorie« schnell bekannt geworden. Zweifellos zu Recht: Er hat wesentlich dazu beigetragen, daß historische Zusammenhänge und Methoden der Reflexion psychosozialer Prozesse auf fruchtbare Weise vermittelt wurden. Nicht nur als Gegenposition zu Ariès, sondern vor allem als Versuch, psychoanalytische Paradigmen jenseits klinischer Praxis anzuwenden, hat de Mause Türen aufgestoßen und Richtungen gewiesen. Nun ist seine Argumentation — anders als die der meisten »klassischen« sozialpsychologischen Entwürfe (Fromm, Riesman, Mitscherlich etc.) — weitgehend empirisch aufgebaut, in der Vorgehensweise also geschichtswissenschaftlich ausgerichtet. Empirische Belege und Quellen sind wesentliche Bezugspunkte seiner Aussagen (die gleichwohl in ihrer Logik alles andere als bloß Verallgemeinerungen von empirischen Feststellungen sind). Damit stellt sich die Frage nach Verläßlichkeit und Stichhaltigkeit dieser Verbindungen; schon bald nach dem Erscheinen der Studie »Hört ihr die Kinder weinen« wurden (besonders von Seiten der Historiker) hier Zweifel angemeldet.
Friedhelm Nyssen hat sich in seiner Arbeit die Mühe gemacht, eine große Zahl der empirischen Verweise von de Mause konkret unter die Lupe zu nehmen, um ihre Aussagekraft und ihre Relevanz gewichten zu können. Seine Vorgehensweise: Er zitiert die Passage, auf die sich eine Quelle bezieht, geht den Verweisen nach, vergleicht Verweis und Quelle und diskutiert die Befunde. Ein (herausgegriffenes) Beispiel: de Mause schreibt, daß die Kinder bereits in Rom »entweder zu Hause oder bei anderen als Diener« fungierten — »oft rannten sie mittags von der Schule nach Hause, um ihre Eltern zu bedienen«. Dies wird mit einem Hinweis auf ein Buch von Fowler belegt. Nyssen zitiert die entsprechende Stelle ausführlich und stellt fest, daß sie die Aussage nur zum Teil belegt, daß aber andere Stellen des Textes in Richtung auf de Mauses Interpretation weisen (vgl. S. 112 ff.).
Nyssen entwickelt z