You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Ich stand völlig isoliert. In Wien wurde ich gemieden, das Ausland nahm von mir keine Kenntnis. Die »Traumdeutung« 1900, wurde in den Fachzeitschriften kaum referiert.« So äußerte sich Freud (1925, S. 74) noch 25 Jahre nach dem Erscheinen des Werkes, das er zeitlebens als sein bedeutsamstes ansah. Was das Wort »kaum« betrifft, so könnte nur ein Vergleich weiterhelfen: Wie oft und wie rasch wurden ähnlich umfangreiche Bücher (wie die »Traumdeutung«) in den Fachzeitschriften besprochen? Der hier vorzustellende Sammelband enthält — ohne Anspruch auf Vollständigkeit — allein für die ersten drei Jahre nach Erscheinen der »Traumdeutung« fünf Rezensionen in Fachzeitschriften. Darunter eine, die im bedeutendsten Periodikum der »akademischen« Psychologie der Zeit (Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane) bereits 1901 erschienen ist, verfaßt von keinem Geringeren als William Stern, Schüler Ebbinghaus', später Professor in Breslau. Dieselbe Zeitschrift brachte nur ein Jahr später eine sachlich zutreffende, kritisch-wohlwollende Besprechung von Freuds kleinerer Arbeit »Über den Traum« (1901) von Giessler. Und was das »Ausland« betrifft, so registrierte The Psychological Index (USA) die »Traumdeutung« bereits vier Monate nach dem Erscheinen.
Sterns Rezension findet sich in dem von Gerd Kimmerle herausgegebenen Sammelband; Giesslers Arbeit ist darin nicht enthalten. Will man die Aufnahme von Freuds Werk gerecht, also der damaligen Zeit gerecht werdend, würdigen, so ist zu berücksichtigen, daß die Rezensenten mit einem Gedankengebäude konfrontiert wurden, das dem eigenen Anspruch nach etwas völlig Neues enthielt. Ein Mißverstehen des »Neuen« ist eher die Regel denn die Ausnahme. Diesbezüglich ist wiederum das Rezeptionsschicksal Freuds keine Ausnahme; ganz ähnlich erging es etwa Schopenhauer oder Nietzsche. Stern wie Giessler bemühen sich um ein Verständnis, lehnen aber beide Freuds pauschale Aussage — »Der Traum ist eine Wunscherfüllung« (Kapitelüberschrift