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Herman Nunberg betrachtet Freuds »Abriß« aus dem Jahre 1936 als Vermächtnis Freuds, den Kern seiner Lehre zu vermitteln. Eindrücklich zeigt sich nicht nur, wie einfach und klar Freud die der Psychoanalyse zugrundeliegende Theorie
und Technik darzustellen in der Lage war, sondern auch Nunbergs tiefes Verständnis psychischer Vorgänge. Nunberg erweist sich als würdiger Vermittler der Theorie Freuds. Wie Nunberg ausführt, unternahm Freud mehrere Darstellungen seiner Theorien. Bei Nunbergs präziser Vermittlung von Freuds letzter Darstellung wird die Frage, weshalb Freud 1936 überhaupt noch einmal eine Darstellung der Psychoanalyse schrieb, nicht gestellt. Ging es ihm darum, eine noch genauere Darstellung als die bereits vorliegenden zu schaffen, wollte er ein Merkmal besonders betonen, seine Schüler in eine spezielle Richtung weisen oder wollte er seinen Kritikern beweisen, daß die Psychoanalyse noch am Leben sei? Setzt man sich mit der Geschichte der Psychoanalyse auseinander, wird man feststellen, daß vermutlich alle diese Faktoren eine Rolle spielten. Nunberg versucht zu zeigen, daß Freud den Anspruch der Psychoanalyse, Naturwissenschaft zu sein, durch eine biologische und an der Physik orientierte Darstellung nochmals untermauern wollte. Die Betonung der somatischen Grundlage psychischer Prozesse, der Triebtheorie, der Sexualtheorie, der eher sekundären Rolle des Überichs im psychischen Geschehen bestätigt diese Annahme. Nunberg betont zwar, daß Freud die Bedeutung von Umweltfaktoren, Tradition und Familie für die Bildung des Überichs sicherlich nicht gering veranschlagt habe, bei der Lektüre von Nunbergs Rekapitulation der Entstehung der Neurosen gewinnt man jedoch den Eindruck, Freud habe den genannten Faktoren keine große Bedeutung zugemessen. Nunbergs Darstellung des Vergleichs zwischen Traum und Psychose, den Freud im »Abriß« anstellte, weist eine Überbewertung des Ichs auf, das in seiner Schwäche oder Stärke für den Mißerfolg oder Erfolg bei der Lösung innere