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Die Psychoanalyse wird in wenigen Jahren ihren hundertjährigen Geburtstag: feiern. Das erste kathartische Verfahren von Breuer liegt über 100 Jahre zurück. Ein guter Grund zu fragen, inwieweit sie sich als Krankheitslehre, als Therapiemethode, als Wissenschaft vom Unbewußten bewährt hat. Halten Freuds Hoffnungen, »daß allein die Psychoanalyse etwas über Entstehung und Zusammenhang der Krankheitserscheinungen lehrt« (1905, S. 16), daß sie als therapeutisches Verfahren Anhänger gewinnt, weil sie »mehr für den Kranken leistet, als jede andere Behandlungsmethode« (1934, S. 300), daß sie sogar »als Wissenschaft des Unbewußten ihre therapeutische Bedeutung weit übertrifft« (1934, S. 301), einer Bewährungsüberprüfung stand?
Von außen betrachtet ist die Psychoanalyse — zumindestens in Deutschland — in die öffentlichen Versorgungseinrichtungen vielfältig integriert. Sie hat sich als Dienstleistung für Kassenpatienten etabliert. Sie ist im Gegenstandskatalog der Medizinerausbildung verankert. Sie erweitert sich von einer individuell introspektiven Selbsterkenntnis zur psychoanalytischen Familien-, Gruppen- und Sozialtherapie. Die psychoanalytische Sozialpsychologie erhebt nach wie vor den Anspruch, gesellschaftlich strukturelle Sachverhalte in interdisziplinärer Kooperation mit zu erforschen. Als Wissenschaft vom Unbewußten scheint sie die Hermeneutikdebatte in den letzten Jahren überstanden zu haben. Trotzdem zeigen die zeitgeistkonformen medizinischen Angriffe, die publizistischen »Zeit«- und »Spiegek-Anwürfe, und auch die Unbehagendiskussion innerhalb der psychoanalytischen Gruppe selbst, wie wenig es der Psychoanalyse nach außen und nach innen gelungen ist, ihre Forschungsergebnisse, mit denen sie ihre äußeren Erfolge substantiieren kann, deutlich zu machen.
So gesehen erscheint dieses Buch zum rechten Zeitpunkt. Peter Kutter, Psychoanalytiker, Internist, Lehrstuhlinhaber für das Fach Psychoanalyse an der Goethe-Universität in Frankfurt, hat den Versuch unternommen, auf 227