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»Es bleibt einer Geschichtsschreibung der größeren Zusammenhänge überlassen, bei den Persönlichkeiten, die hier unter Anklage stehen, die Momente der Charakterveranlagung, des biographischen Werdeganges darzustellen und sie zugleich in den Gesamtrahmen aus traditionellen und aktuellen Motiven einzuordnen.« Dieses Zitat aus dem Schlußwort von »Medizin ohne Menschlichkeit«, Alexander Mitscherlichs und Fred Mielkes Buch über die Nürnberger Ärzteprozesse, könnte als Motto über einem anderen Buch stehen, das — fast vierzig Jahre später — in den USA erschienen ist und bis Herbst nächsten Jahres übersetzt sein soll: R. J. Lifton, »The Nazi Doctors, Medical Killing and the Psychology of Genocide«. Lifton, ein international bekannter amerikanischer Psychiater, der sich bereits mit Werken über die Opfer von Hiroshima, die Veteranen des Vietnamkrieges und Methoden der Gehirnwäsche in China in die Psychologie von Grenzsituationen eingearbeitet hat, nimmt sich nun der Geschichte der Ärzteverbrechen im Dritten Reich an. Dabei hat er — wie die Untertitel seines Buches ankündigen — über das Thema der Nazi-Ärzte weit hinausgegriffen. Er mußte das tun. Denn der Weg von den historischen Tatsachen zu ihren Ursachen führt mitten durch die Grundfragen der Anthropologie und Soziologie. Erst wenn man begriffen hat, warum Auschwitz möglich war, kann man erfassen, daß es wirklich war. Allein das Verständnis des Bösen öffnet uns den Zugang zur Wirklichkeit des Bösen, das sonst in jenem Nebel der Derealisierung verborgen bleibt, in den wir alle für uns unerträglichen Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen verbannen. Und dieses Buch ist randvoll mit Unerträglichem, so randvoll, daß es eine Pflichtlektüre für die zeitgenössischen Nebelwerfer zu werden verspricht.
Denn Liftons groß angelegtes Werk erscheint zur rechten Zeit. Einer Zeit, in der die Antworten auf die Frage »Was hat Auschwitz möglich gemacht?« immer unverhohlener apologetische Färbung bekommen und eine Reservear