You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Religionskritik scheint eine Sache der Theologen geworden zu sein. Die Wissenschaften, allen voran die Naturwissenschaften, benötigen für ihre Arbeit und ihre Erkenntnisse weder Gott noch eine religiöse Weltdeutung, ja, nicht einmal mehr eine Gegnerschaft gegen die Religion. Deren Aussagen über die Welt und den Menschen werden, da sie — wie es im positivistischen Jargon heißt — nicht falsifizierbar sind, weder als wahr noch als falsch, sondern als sinnlose Wortfetzen angesehen. Aber wie der positivistische Zensor zwar religiöse Aussagen als unwiderlegbar passieren läßt, so bestreitet er dem Kritiker dennoch eine Vernunft, wenn er gegen die weder als beweisbar noch als widerlegbar angesehenen Behauptungen der Religion zu Felde zieht. Religion scheint eine abgetragene Mode zu sein. Und wie es der Religion ergangen ist, ergeht es auch ihrer Kritik. Hauptsächlich Theologen befassen sich in letzter Zeit mit ihr und edieren sogar die gegen die Religion geschriebenen Texte. Dabei wird allerdings der Religionskritik ihre Schärfe und Intention genommen und sie oder die Theologie in ihr Gegenteil verkehrt, wenn es wie in diesem Bande am Schluß lautet: »Religionskritik wird an ihrem Ende zu einer mehr oder weniger substantiellen Stütze der Religion, auch wenn man nicht davon abgelassen hat, ihre Argumente aus dem Munde des Widersachers Gottes erklingen zu lassen« (S. 242), und Religionskritik zu einer »substantiellen theologischen Aufgabe« (S. 243) erklärt wird. Darin liegt aber nicht allein eine Verkehrung der in ihren prägnantesten Formen immer antikirchlichen und antitheologischen Religionskritik der Neuzeit, sondern es könnte auch durchsichtig gemacht werden, was in diesem Band aber gänzlich unterbleibt, daß wesentliche Topoi der europäischen Religionskritik gerade in der jüdisch-christlichen und ebenso in der antiken Tradition entwickelt wurden, die gesamte Religionsgeschichte auch als eine fortwährende Geschichte der Kritik der Religion gedeutet werden kann, indem jede n