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Lieber Alfred, verehrte Gäste,
daß einer, der aufs Lesen eingeschworen ist und seit vielen Jahren ziemlich geräuschlos zwischen den Buchstaben haust, öffentlich das Wort nimmt, mag kurios erscheinen. Mit Geschriebenem, Gedrucktem — und dem, was sich darin abspielt — kommt er leidlich zurecht, dort hat er sich eingerichtet, kennt er sich ein wenig aus. Aber wozu plötzlich vor Leuten reden? Nun, es gibt einen guten Grund dafür, der insbesondere für ihn ein guter Grund ist: er möchte einem Autor und Freund, er möchte Alfred Lorenzer vor aller Ohren danken.
Die Beziehung, die Autor und Lektor, Lektor und Autor miteinander verbindet, materialisiert sich in Texten, nicht in Auftritten. Sie ist eine Arbeitsbeziehung, also auf einen Austausch gegründet, der Stille, Denkzeit, intensive Aufmerksamkeit braucht, Zuneigung im genauen Sinne des Begriffs, gemeinsame Befangenheit in dem Vorhaben, etwas ins Werk zu setzen, das es so vorher nicht gegeben hat. Und wenn das Vorhaben gelungen ist, dann spricht es selbst, spricht es für sich selbst. Bücher — seien es literarische, seien es wissenschaftliche —, die diesen Namen verdienen, sind nicht Ausdrücke eines Geschäftsverhältnisses. Inmitten des Wirklichen gemahnen sie an das Mögliche, das noch unverwirklicht ist. Sie bestreiten dem Zustand, in dem die Dinge und wir uns befinden, den Anspruch auf Selbstverständlichkeit und Endgültigkeit. Daran, scheint mir, sollte von Zeit zu Zeit erinnert werden. Und es ist wohl wieder einmal an der Zeit, daran zu erinnern.
Von den vielfältigen Erfahrungen, zu denen die Arbeitsbeziehung mit Alfred Lorenzer mir verholfen hat, möchte ich zwei hier kurz benennen, eine sachliche und eine persönliche. Die sachliche Erfahrung ist — niemanden wird es verwundern — mit dem Schicksal der Psychoanalyse in diesem Lande verknüpft. Den Ideen und Einsichten Freuds, seiner Mitstreiter und unmittelbaren Nachfolger ist in Deutschland 1933 der Krieg erklärt worden. Die Mehrheit der deutschen Akademikerschaft hat sich au