You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wenige Wochen vor der bevorstehenden Trennung von Mutter und Schwester wegen der beginnenden Internatszeit in Schulpforta schreibt der knapp vierzehnjährige Friedrich Wilhelm Nietzsche einen rührenden Brief an seine Tante Rosalie in Plauen, in dem er sie um Auskunft bittet: »Da ich jetzt meine Biographie schreiben will, bemerke ich mit Schrecken, daß ich über das Leben des Papa […] in großer Ungewißheit bin und fast keine Data weiß« (August 1858). Der Abschied vom Elternhaus erweckt das Bedürfnis der Erinnerung. Das Bild des Vaters und die eigene Lebensgeschichte sollen rekonstruiert werden. Doch am Ende der »Biographie«, die schließlich nur noch einen — enttäuschenden — »Vater« (Richard Wagner) enthält, steht der Zusammenbruch. Dazwischen die lebenslang vergebliche Suche nach dem Vater: »Ich weiss freilich aus Erfahrung fast eben so wenig davon, was es heisst einen Vater zu verlieren als einen Vater zu besitzen. Dafür ist mir mein Jugendleben innerlich schwerer und bedrückender geworden als billig ist«, heißt es in einem Brief an Gustav Krug (6. 7. 1874), als dessen Vater stirbt (und noch bevor der Ersatz-Vater, Wagner, verworfen werden mußte). Da er ihn als »Vater verehre«, heißt es in einem Brief an Wagner, feiere er an dessen Geburtstag zugleich die eigene »Geburt« (20. 5. 1874) — und »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der [Wagnerschen; B. N.] Musik« sollte denn tatsächlich auch in der Turiner Tragödie zur Jahreswende 1888/89 ihren Abschluß finden. Früh, bereits beim Abschied von Mutter und Schwester, künden sich die dunklen Wolken, die über der Zukunft liegen, an. In der »Biographie« des Vierzehnjährigen, die stückweise an den Jugendfreund Pinder geschickt wird, lesen wir: »Es war an einem Dienstag Morgen, als ich aus den Thoren der Stadt Naumburg herausfuhr. Die Morgendäm(m)erung lag noch rings auf den Fluren […]. Auch in mir herrschte eine solche Dämmerung […]. Die Schrecken der bangen Nacht umlagerten mich und ahnungsvoll lag vor mir die Zukunft in grau