You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Vielen, die sich psychoanalytische Erfahrung und psychoanalytisches Wissen angeeignet haben, sei es berufsmäßig als Psychoanalytiker, sei es als Patient, sei es als Wissenschaftler, mag es mit der Psychoanalyse gehen, wie es dem humanistisch Gebildeten zuweilen mit Griechenland ergeht. Die Psychoanalyse scheint ihm vertraut, und als vertraute verschwindet sie häufig »hinter der geglätteten Schale« von Idealisierungen. Sie scheint ihm bekannt, eingebettet in institutionelle Zwänge einer klinischen Praxis, die manchem hilft; so mag er ihr gegenüber auch den Enthusiasmus eines Touristen spüren, der, den Katalog gesicherten Wissens in der Hand, die Räume der griechischen Abteilung eines Museums abschreitet oder Bücher über die Psychoanalyse liest.
Doch zuweilen geschieht etwas Überraschendes: »Wir geraten ahnungslos in ein Seitenzimmer, und plötzlich trifft es uns wie ein Stoß vor die Brust. Sprachlos und erstaunt stehen wir vor einer griechischen Plastik. Das, was uns so vertraut und bekannt schien, zeigt unvermittelt ein abgrundtieffremdes Gesicht, das dem Betrachter paradoxerweise gleichzeitig in dem Maß zum Rätsel wird, wie es sich ihm öffnet. Wir sehen auf einmal etwas, was wir so oft angeschaut und doch nie wirklich wahrgenommen haben« (S. 160). Ähnliche Erfahrungen kann man beim Lesen von Rolf Vogts Buch »Psychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung« machen. Es ist eine systematische Abhandlung und macht Ernst mit dem wissenschaftlichen Diskurs. So gehört es ganz auf die Seite der Aufklärung, die sich vom Mythos emanzipiert glaubt. Es sind aber gerade die genauen methodischen Schritte der Psychoanalyse, die zu der überraschenden Konfrontation mit dem scheinbar musealen Mythos führen. Die psychoanalytische Erkenntnis setzt erneut die »Dialektik der Aufklärung« in Bewegung. Das Vergangene und Abgelebte bricht aus seinen kategorialen Gefängnissen hervor.
Rolf Vogt problematisiert das von den ersten Schülern Freuds (Abraham, Ferenczi, Jung, Rank, Reick, Róheim seien ge