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Charakterologien dienen der Reduktion von psychischer Komplexität; die Mannigfaltigkeit individueller Persönlichkeiten wird auf ein überschaubares Maß beschreibbarer menschlicher Typen gebracht. Dadurch soll Menschenkenntnis sich erweitern, das typische Verhaltensmuster als wiederkehrendes Schema erkannt und eingeordnet werden können. Die Geschichte der Charakterologie reicht weit zurück, schon Äsops Fabeln sind eine frühe Charakterologie (vgl. Jauss, 1988, 261 ff.). Charakterologische Fragestellungen blieben aktuell, im 18. Jahrhundert erleben sie durch die physiognomischen Studien eines Lavater, Lichtenberg oder Goethe eine neue Blütezeit (vgl. Mattenklott, 1986). Im 20. Jahrhundert wird Charakterologie zur Wissenschaft in den Fachdisziplinen Psychiatrie und Psychologie.
Es geht hier nicht darum, den Nutzen und Gewinn der zeitgenössischen Persönlichkeitsforschung zu beschreiben. An einem exemplarischen Beispiel aber soll die Gefahr der Charakterologie deutlich gemacht werden, sie kann der Verharmlosung und Entschärfung von Konflikten dienen. Man meint, ein Problem gelöst zu haben, indem man es benennt; wir kennen diese Einstellung als Rest des magischen Denkens in uns allen. Wie weit die Benennung, das Verlangen nach einem Namen, nur ein Verschieben von Fragezeichen bedeutet, bleibt selbst oft genug unhinterfragt. Diese vorschnelle Erledigung ungelöster Fragen, indem man Fragezeichen durch Namen ersetzt, ist eine uralte Form der Konfliktbewältigung, sie ist so alt wie die Gottesvorstellung: Gott steht als Antwort da ein, wo offene Fragen unerträglich werden. Daß in der Wissenschaftsgeschichte der Psychiatrie die Lehre vom Charakter, der Persönlichkeit, insbesondere die Erforschung der Psychopathie auch eine Form dieser magischen Benennung des Problems gewesen sind, dafür lassen sich meines Erachtens gute Gründe finden. Die unglückliche Geschichte des Soziopathiebegriffs mag als Beispiel dienen; was erst phänomenologisch