You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In mehreren literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Werk des schweizerischen Schriftstellers Robert Walser (1878-1956) wurde versucht, das Leben des Autors und die zum Teil rätselhaften und schwer faßbaren Texte mit Hilfe psychologischer und psychoanalytischer Begriffe zu entschlüsseln. Leider bildet dabei häufig die »psychische Erkrankung« des Autors — Walser verbrachte von 1929 bis an sein Lebensende, also 27 Jahre, in psychiatrischen Heilanstalten in der Schweiz — den Ausgangspunkt für Persönlichkeitsanalysen, die die Ebene der Literatur-Analyse völlig vernachlässigen oder Textstellen mehr oder weniger als eine Art Beweismaterial für eine klinische Fallbeschreibung heranziehen.
Die Autorin des Buches »Der Grenzgänger« bemüht sich in ihrer umfangreichen Untersuchung zur »Psycho-Logik im Werk Robert Walsers« um eine weit genauere methodische Standortbestimmung. In ihren Vorüberlegungen beschreibt sie nicht nur die Risiken bei der »Erforschung der Literatur unter psychologischem Erkenntnisinteresse«, wobei sie insbesondere vor dem ausschließlich biographisch geleiteten Werkverständnis warnt, da in vielen derartigen Untersuchungen die Texte des Schriftstellers letztlich als pathologische Eigenart oder Abweichung gewertet würden, sondern formuliert auch zwei wichtige Ausgangspositionen: Zum einen betont sie, daß nicht die Persönlichkeit Walsers — also sein biographischer Leidensweg — im Mittelpunkt ihrer Untersuchung steht und zum anderen, daß der Krankheitsbegriff für ihre Analyse »irrelevant« bzw. »wertneutral« sei. Ihr geht es also nicht — wie sie es selbst formuliert — um ein Erfassen des Dichters als ganzen Menschen, sondern um die Analyse der durch eine bestimmte Psycho-Logik geprägten Texte.
Im ersten Teil der Arbeit, der sich der Psychogenese des Grenzgängers widmet, versucht die Autorin modellhaft die frühesten Kindheitserfahrungen zu erarbeiten, wie sie in das Werk Walsers eingeflossen sind und als kollektive Strukturen unabhängig von Walsers spezifisch