You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Es hat lange gedauert, bis wir bemerkt haben, daß Kunst nicht in einem leeren Raum entsteht, daß kein Künstler von Vorläufern und Vorbildern frei ist, daß er nicht weniger als der Wissenschaftler und der Philosoph in eine bestimmte Tradition gehört und in einem vorstrukturierten Problembereich arbeitet« (Ernst Kris [1952], Die ästhetische Illusion, S. 19; Frankfurt, 1977). So schreibt Ernst Kris in seiner Arbeit über Kunst aus psychoanalytischer Sicht. Seitdem haben nur wenige psychoanalytische Untersuchungen sich bemüht, die kulturgeschichtliche Dimension von Kunst überzeugend in ihre Konzepte zu integrieren.
Im Rückgriff auf Freuds kulturtheoretische Schriften, in Verbindung mit ich-und objektpsychologischen Erweiterungen der Freudschen Theorie versucht Kuhns eine Kunsttheorie zu entwickeln. In Freuds Schriften zur Kultur sieht der Autor fruchtbare, aber bisher unberücksichtigte Ansätze zu einer brauchbaren Philosophie der Kunst. Hat man den Satz seines Landsmannes, des Kunsthistorikers Spector, noch im Ohr, der lautet, auf den Grundlagen der Freudschen Gedanken werde sich »niemals ein schlüssiges System […] aufbauen lassen« (Jack Spector, Freud und die Ästhetik, S. 9; München, 1973), darf man gespannt sein, auf welche Weise Kuhns das sicherlich nicht unbegründete Urteil zu widerlegen gedenkt.
Kuhns stützt seine Darstellung auf Analogien zwischen kulturgeschichtlicher und individueller Entwicklung; grundlegend ist für ihn, daß das Individuum sich im Lauf seiner Entwicklung in permanenter Auseinandersetzung mit der kulturellen Tradition befindet. Den Kunstbegriff erweitert er auf einen Begriff »kulturell verpflichtender Darstellungen«, was wohl das Eingebundensein in den gesellschaftlichen Zusammenhang betonen soll. Indem Individuen zu kulturellen Objekten Beziehungen aufnehmen, nehmen sie teil an vielschichtigen und bedeutsamen Wechselprozessen affektiver Art zwischen Autor, Kunstobjekt und Tradition.
Zumindest programmatisch soll Kuhns' Theorie wegführen von einer