You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Während in Frankreich seit einigen Jahren eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen und Methoden Jacques Lacans stattfindet, sind in der BRD »postmoderne« Intellektuelle gerade dabei, Lacan weitgehend unkritisch zu rezipieren, fasziniert von dem Reichtum an neuen Ideen, der auch französische Intellektuelle jahrelang in Atem gehalten hatte. Diese an ein Wunder grenzende Produktivität wird auch heute nicht bestritten, dafür um so mehr seine Rolle als Psychoanalytiker und als Begründer der »Ecole Freudienne de Paris«, die zum Gegenpol der orthodoxen Psychoanalyse wurde.
Elisabeth Roudinesco, Verfasserin einer für Aufregung sorgenden »Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich«, vergleicht Lacan, der im Mittelpunkt ihres zweiten Bandes steht, mit dem Papst, der das winzigste Reich hat, und dennoch die Welt regiert: »Lacan hat eine kleine Schule gegründet, sein Einfluß reicht aber weit über Frankreich hinaus.«
Was unterscheidet nun die Lacansche Psychoanalyse von der orthodoxen? Didier Anzieu, Professor für Klinische Psychologie in Nanterre, Vertreter der traditionellen Richtung der Psychoanalyse, hat sich in einem ausführlichen Gespräch zu diesem Thema geäußert.
Orthodox sei er, Anzieu, was die Form angeht. Er bestehe auf einem festen Rahmen für die Therapie, d. h. regelmäßige Sitzungen, mindestens dreimal die Woche, à 45 Minuten. Wichtig sei auch die Einhaltung des Abstinenzprinzips: Abstinenz von Liebes- und sexuellen Beziehungen, aber auch von freundschaftlichen, gesellschaftlichen oder geschäftlichen Beziehungen außerhalb der Therapie. Lacan dagegen habe die Dauer der Sitzungen völlig willkürlich variiert, mal eine halbe Stunde, mal drei Minuten, mal wurde der Patient gleich wieder weggeschickt. Dafür bot Lacan ihm seine Seminare an, manchmal auch seine Freundschaft. Anzieu spricht aus Erfahrung, von 1949-1953 hat er eine Lehranalyse bei Lacan gemacht, die er aber wegen der Unberechenbarkeit Lacans abbrach.
Auch was die Bedeutung der Interpretation angeht, sei er