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»Erst nachdem sich die Psychologie stärker von den geistigen Fesseln des freudianischen Denkens gelöst hatte, das eine glückliche Kindheit für überragend wichtig hält, hat sie ernsthafte Fortschritte in der Erforschung der Persönlichkeitsentwicklung gemacht.« Dieser Satz leitet einen Beitrag des Wissenschaftsjournalisten Rolf Degen in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 219, 22. 9. , S. 45) ein. Die Überschrift: »Wenn Kinder »unbesiegbar« sind — seelische Gesundheit trotz extremer Belastungen.« Wenig später ist noch einmal vom »psychoanalytischen Dogma von der notwendigen glücklichen Kindheit« die Rede, das »zusam-mengebrochen« sei. Nicht einmal die Entbehrung der Mutter, das »Erztrauma der Tiefenpsychologie«, ziehe mit zwingender Konsequenz schädliche Folgen nach sich. Die weit über die Psychoanalyse hinaus-reichende Erkenntnis von Rolf Degen ist demgegenüber, daß es »weniger auf die Gegenwart der Mutter als auf das Vorhandensein einer guten Beziehung als solcher« ankomme.
Ignoranz über ihre Grundprinzipien und eine oberflächliche Pseudo-Rezeption einiger Schlagworte sind recht vertraute Umgangsformen der Öffentlichkeit mit der Psychoanalyse. Es scheint hier nicht auszureichen, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die Psychoanalyse keine plumpe, gleichsam mechanische Traumatheorie enthält, daß die Forschungen von René Spitz und Margaret Mahler im Gegenteil in höchst differenzierter Form die Wechselwirkung zwischen Milieu, Familiendynamik und kindlichen Reaktionen untersuchen. Auch Degens Vorgehensweise, zunächst die Psychoanalyse in Bausch und Bogen als rückschrittlich zu verdammen, um anschließend aus diesem Schrotthaufen kostbare Teile als eigenen Gedankenfund dem Leser anzubieten, ist schon sehr lange Zeit beliebt; Freud schreibt davon in seiner Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. So wird ein »positives Selbstkonzept« plötzlich als Mittel gegen traumatische Einflüsse entdeckt und die Integration der Bisexualität (als »eine Art gesunder Androgynität«) als Merkma