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Rückblickend lassen sich wissenschaftliche Theorien häufig als Phantasmen entlarven, die gesellschaftliche Mißstände verdecken helfen. Dies am Beispiel der Nostalgia aufzuzeigen, ist das Anliegen der Sozialwissenschaftlerin Delia Frigessi Castelnuovo und des — inzwischen verstorbenen — Mediziners Michele Risso, die beide die Antipsychiatrie-Bewegung und Michèle Foucaults Kritik an der Klinik vertreten.
Nostalgia, ein bei uns wenig geläufiger Begriff, soll das seelische Leid von Menschen bezeichnen, die aufgrund von Gewalt, Zwang oder materiellen Nöten in der Fremde leben müssen — wobei die politische Emigration explizit nicht behandelt wird.
Auf der Suche nach den Ursprüngen des wissenschaftlichen Diskurses zum Zusammenhang von psychischem Leid und Entwurzelung gehen die Autoren im ersten Teil des Buches bis ins 17. Jahrhundert zurück. Am Beispiel heimwehkranker Schweizer Söldner zeigen sie auf, daß mit der Entwicklung der naturwissenschaftlichen Medizin aus dem Heimweh-Gefühl erstmals eine im Körper befindliche organische Krankheit wurde. Unter Hinzuziehung einer Vielzahl historischer Quellen zeichnen sie die Ausbreitung und Verzahnung dieses Medizinverständnisses über drei Jahrhunderte nach.
Im zweiten Teil führen die Autoren aus, daß derselbe medizinische Diskurs Mitte des 19. Jahrhunderts in der amerikanischen Wissenschaftsdebatte wieder auftaucht: Mediziner, Psychiater und später auch Sozialwissenschaftler befaßten sich mit dem Geisteszustand der seinerzeit massenhaft in die USA einwandernden verarmten Europäer. Die gesamte Diskussion, die in der Anlage-Umwelt-Kontroverse in den 50er und 60er Jahren ihren Höhepunkt erreichte, wird referiert, kommentiert und liefert jedem an diesem speziellen Thema Interessierten einen umfassenden Überblick vorhandener Ansätze.
Der dritte Teil faßt die neueren soziologischen und sozialpsychologischen Ansätze zusammen, die sich mit den internationalen Migrationsbewegungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges befassen. Hier werden nicht