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Arno Gruen, 1923 in Berlin geboren, floh 1936 vor dem Nationalsozialismus in die USA, ließ sich dort zum Psychoanalytiker ausbilden und war als Professor an verschiedenen Hochschulen tätig. Seit 1979 arbeitet er als Psychotherapeut im Tessin. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch sein erstmals 1984 erschienenes Buch »Der Verrat am Selbst« (Gruen, 1986) bekannt. Eine seiner Hauptthesen darin lautet: Menschen, die sich bestehenden Machtverhältnissen unterwerfen und sich ihnen kritiklos anpassen, verunmöglichen sich dadurch ihre Entwicklung zur Autonomie. In »Verrat am Selbst« zeigt Gruen auch, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der Unterdrückung und Unmenschlichkeit normal erscheinen und dementsprechend toleriert werden. In dem hier besprochenen Buch »Der Wahnsinn der Normalität« entwickelt er diesen Gedanken weiter. Gruen ist einer aufklärerischen Tradition verpflichtet. Selber Opfer nationalsozialistischer Unterdrückung und Augenzeuge von Gewalt zum Beispiel in Manhattan, sind seine Anliegen die Erforschung und das Verständnis menschlicher Destruktivität, die Förderung der Bildung eines moralischen Bewußtseins und einer entsprechenden Lebenspraxis. Angesichts der täglich zu beobachtenden Unterdrückung der Schwarzen in Südafrika z. B. ist Gruens Buch ein engagierter Beitrag zum Verständnis dessen, worin der Wahnsinn unserer Gesellschaft in unserem Jahrzehnt besteht. Gruen macht unmißverständlich klar, wer Täter und Opfer ist, und fordert uns auf, Unterdrückung zu entlarven, und uns nicht durch Teilhabe an der Macht korrumpieren zu lassen.
Nach Gruen entsteht die menschliche Destruktivität nicht aus einem Konflikt zwischen egoistischem Luststreben und Anforderungen der Kultur (vgl. S. 31 ff. und 78 f.), sondern ist auf eine Störung des Selbst zurückzuführen: Anpassung und Unterwerfung verhindern die Entfaltung des wahren Selbst. Dies könne bereits in der frühen Kindheit geschehen, wenn das Kind nicht wirklich um seiner selbst willen geliebt und angenommen wird