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Im »Internationalen Psychoanalytischen Verlag« erschien 1919 anonym (auch die Herausgeberin zeichnete nicht mit Namen) das »Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens«. Der einzige Name, der im Geleitwort erschien und daher für die Echtheit des Dokuments bürgte, war der des »Herrn Professor Dr. Freud«. Er hatte bereits 1915 einen Brief an die ungenannte Herausgeberin geschrieben, der nunmehr mit abgedruckt wurde. Darin hieß es, beim »Tagebuch« handle es sich um »ein kleines Juwel«, also um eine seltene Kostbarkeit, denn »noch niemals« zuvor sei »in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeit« die seelische Verfassung eines heranwachsenden Mädchens aufgedeckt worden (vgl. Freud, 1919).
Auch die Vorwortschreiberin der Neuausgabe des »Tagebuchs«, Alice Miller, spricht von einem »seltenen Wunder«. Dasselbe erblickt sie in der Tatsache, daß hier »ein echtes, unverstelltes Kind ausführlich zu Wort kommt« (S. 10), ein Kind, wie es nach der Millerschen Theorie der Erziehung in unserer Gesellschaft, die zur allumfassenden Ent- und Verstellung zwingt, eigentlich gar nicht vorkommen dürfte. Die Tagebuchschreiberin ist also theoretisch wie praktisch auch noch sechzig Jahre nach der Erstveröffentlichung eine Art Wunderkind.
Andere Leser — Cyril Burt, Schulpsychologe in London, damals auch Mitglied der Psychoanalytischen Vereinigung, oder Charlotte Bühler, Psychologin an der Universität Wien, die sich ausgiebig mit der Erforschung authentischer Tagebücher Jugendlicher beschäftigt hatte — stutzten schon damals gerade wegen der »Klarheit« des Textes, sahen zur Verwunderung Anlaß. Denn der mehrere hundert Seiten lange Text kam damals (wie auch heute) ohne eine einzige erläuternde Fußnote aus. Das heißt: Er ist für den zunächst eigentlich nicht intendierten (Mit-)Leser von selbst verständlich. Nun weiß jeder, daß Texte, die nicht von