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Angesichts der politischen Umwälzungen in Osteuropa besteht die Chance, daß auch das Schicksal der dortigen Psychoanalytiker wieder mehr ins Bewußtsein tritt. In der Zeit des Nationalsozialismus galt die Psychoanalyse in Ungarn als jüdisch, ab 1948 dann als marxismusfeindlich, ja faschistisch und mystisch. Ein Viertel aller ungarischen Analytiker starb in Konzentrationslagern. Wer weiß eigentlich heute noch, wie viele bedeutende Namen der sogenannten Budapester Schule entstammen? Sándor Ferenczi, Michael Balint, Melanie Klein, Imre Hermann und eben auch Lillian Rotter, um nur einige zu nennen.
Schon in den zwanziger Jahren richtete sich das Augenmerk von Sándor Ferenczi auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung, ein Konzept, das für Rotter eine große Rolle spielte. »Sex-Appeal und männliche Ohnmacht« lautet der provozierende Titel des Buches, in dem uns eine ungewöhnliche Frau und Wissenschaftlerin vorgestellt wird, deren Thesen zur weiblichen Sexualität und Identität auch heute die neue Weiblichkeitsdiskussion beleben können. Dabei bleibt bedenkenswert, daß Lillian Rotter eine Zeitgenossin von Helene Deutsch war, deren Ansichten zur weiblichen Sexualität ja zum Teil hinter Freuds Erkenntnisse zurückfielen.
Lillian Rotter wurde 1896 geboren. Sie stammt aus einer fortschrittlichen intellektuellen jüdischen Familie, die in Budapest lebte. 1920 schloß sie ihr Medizinstudium ab. Ein Jahr zuvor, während der Räte-Republik, wurde Ferenczi Universitätsdozent. Danach, während des rechtsgerichteten Regimes von General Horthy, war die Psychoanalyse nur noch eine geduldete Wissenschaft.
Dank seiner persönlichen Kontakte mit ehemaligen Analysandinnen, Freundinnen und Kolleginnen vermittelt uns Andreas Benz ein sehr lebendiges Bild der Person Lillian Rotters sowie vom intellektuellen Umfeld, in dem sie wirkte.
1920 begann sie ihre Analyse beim nur vier Jahre älteren Imre Hermann. 1930 wurde sie Mitglied der ungarischen psychoanalytischen Gesellschaft. In der bedrohlichen Zeit des Nationals