You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
»Ich fürchte, daß die Mauern um meine Seele, trotz Ihrer Hilfe, trotz Freud, den ich so sehr hoffe, in diesem Herbst zu treffen, zu spät zusammenstürzen! Der Josua der Mauern um Jericho ist oft nur der Kavalier mit den leeren Augenhöhlen! Im Warten auf diesen befreienden Abend leben wir, so gut wir können, und beneiden die Schiffer auf ihren Booten …
Wenn ich mich auch quäle, ich langweile mich hier nicht — ich habe nur die Neigung zu leiden, aber nicht, mich zu langweilen« (S. 276).
Diesen Brief schreibt Marie Bonaparte im Frühjahr 1925, kurz nach dem Tod ihres Vaters, an René Laforgue, seit kurzem in Paris ansässiger Analytiker. Marie Bonaparte ist 42 Jahre alt, und erst im Herbst dieses Jahres, am 30. September, beginnt mit dem Satz »Ich habe heute nachmittag Freud gesehen« ihr analytisches, nach Auffassung Célia Bertins: ihr wirkliches Leben.
Zuvor läßt die Autorin ihren Lesern viel Zeit, nämlich mehr als 270 Seiten, sich ausführlich mit der Geschichte vor dieser das Leben Marie Bonapartes fundamental verändernden Beziehung zu befassen. Da die spätere Prinzessin Georg von Griechenland bereits als Kind zahlreiche Tagebücher verfaßt und belletristische Werke publiziert hat, die, zusammen mit ihrem späteren Werk, mehr als siebzig Titel umfassen, dazu unveröffentlichte Manuskripte, Briefwechsel (mit Freud, mit René Laforgue, mit Löwenstein und vielen anderen), war dies keine leichte Aufgabe. Im Vorwort sagt die Autorin, fünf Jahre habe sie mit Marie Bonaparte zugebracht. Dafür müssen wir ihr dankbar sein: Vor den Augen des Lesers entsteht das Panorama eines reichen (wenn auch häufig leidvollen) Lebens, das sowohl die Anfänge der Geschichte der Psychoanalyse in Frankreich umfaßt, frühe Auseinandersetzungen Marie Bonapartes mit Lacan, institutionelle Querelen um die verschiedenen psychoanalytischen Schulen in Frankreich, Auseinandersetzungen zur Zeit der Vichy-Regierung und danach und zum Teil ausführliche Darstellungen der theoretischen psychoanalytischen Positionen Mar