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Freud sieht »normales Liebesverhalten« dadurch charakterisiert, daß in ihm die Strömungen der Zärtlichkeit und der Sinnlichkeit vereinigt sind. Das Buch des renommierten amerikanischen Kulturhistorikers Peter Gay ist in weiten Teilen eine Variation über dieses Thema. Es handelt von den Wegen und Umwegen, vom Gelingen und Scheitern, vom Glück und Leid bei der Suche nach einer Synthese der beiden Strömungen, in der für das bürgerliche Zeitalter das Wesen und die Bedeutung der Liebe bestanden. Seelenbindung und Sinnenlust, irdische und edle Leidenschaften miteinander zu verschmelzen, das war nach bürgerlichem Selbstverständnis die Aufgabe, die den Menschen gestellt ist.
Weithin meint die Kulturkritik des bürgerlichen Zeitalters, daß die meisten Menschen an dieser Aufgabe scheiterten und daß im wesentlichen Prüderie und erotische Langeweile das Resultat waren. Nach Gay verhält es sich jedoch anders. Er kommt zu dem Schluß, daß sich die Kompromisse zwischen Sexualtrieben und kultureller Abwehr, die die Menschen im bürgerlichen Zeitalter zustande brachten, durchaus sehen lassen können. Der Versuch, die beiden Strömungen zu vereinigen, ging nicht einfach auf Kosten der Leidenschaften, meint Gay, sondern verschaffte ihnen auch Räume und Möglichkeiten der Entfaltung.
Aber Gay geht es in seinem Buch nicht in erster Linie darum, den Beweis für eine Hypothese anzutreten und andere Thesen und Auffassungen zu widerlegen. Er hütet sich vor Pauschalisierungen und bleibt in seinen Schlußfolgerungen stets vorsichtig. Nicht mit einem theoretischen Buch haben wir es also zu tun, sondern mit einem historischen — und das im besten Sinn. Wichtiger als begriffliche und theoretische Verallgemeinerungen über die Liebe in einem ganzen Zeitalter ist Gay die Präsentation des Materials. In einer unglaublichen Fülle und mit großer erzählerischer Kraft breitet er seine Funde vor dem Leser aus. Zu Wort kommen nicht nur die großen Schriftsteller, Wissenschaftler und Philosophen der Zeit wie Balzac, Sc