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Denken nach Auschwitz, Schreiben nach Auschwitz sind Titel, die in letzter Zeit viel gebraucht wurden. Das Leben nach Auschwitz, der Umgang mit dem Massenmord hat Historiker, Psychologen und auch Sozialpsychologen durchaus beschäftigt. Schaut man sich aber eher der Soziologie zugerechnete Arbeiten an, d.h. solche, die sich mit der Struktur und Entwicklung unserer Gesellschaft beschäftigen, so findet eine Auseinandersetzung mit diesem Thema praktisch nicht statt — weder in der Bundesrepublik noch anderswo. Kann man daraus folgern, daß der Massenmord ein historisches Ereignis war, das keine gesellschaftliche Bedeutung hatte und das hieße auch: nichts mit der Gesellschaft zu tun hatte? Oder anders: daß Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung schon der Endpunkt der (gesellschafts-)theoretischen Beschäftigung mit diesem Thema war?
Das Schweigen der professionellen Soziologen wurde von Zygmunt Baumann gebrochen, und darin liegt schon ein Verdienst. Er stellt sich die Frage nach der Bedeutung des Massenmordes für eine Theorie der Moderne und die Moderne selbst und gibt eine eindeutige Antwort. Die Wahrheit über den Holocaust und die ihn ermöglichenden Handlungen, Politiken und Institutionen sei gerade seine Normalität — nicht im Sinne einer Alltäglichkeit, sondern im Sinne seiner Vereinbarkeit mit unserer Zivilisation. Diese Aussage ist eine einfache, auch wenn sie sich nicht von selbst versteht. Sie erklärt, reflexiv gewendet, die Tatsache mit, daß Soziologen zu Erklärung, Erforschung und den (gesellschaftlichen) Folgen der Ausrottungspolitik fast nichts beigetragen haben. Denn sie teilen die immanente Weltsicht der Moderne, sind selbst eines ihrer Produkte.
Baumanns Hauptthema aber ist kein wissenssoziologisches, sondern ist die soziale Produktion moralischer Indifferenz. Er versteht die Moderne als den Prozeß einer Zunahme physischer und psychischer Distanz zwischen Handlungen und ihren Konsequenzen und damit als eine Suspendierung von moralischer Verantwortung.