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Vom 20. bis 22. Juli 1990 fand in London die dritte wissenschaftliche Tagung der Association Internationale d'Histoire de la Psychoanalyse (AIHP) statt. Die AIHP wurde 1985 mit dem Ziel gegründet, allen an der Geschichte der Psychoanalyse Interessierten (d.h. auch Nichtanalytikern) ein Forum für Meinungsaustausch, Vortrag und Diskussion von Forschungsergebnissen zu bieten.
Die diesjährige Tagung war einem brisanten Thema gewidmet: dem »sozialen und politischen Engagement der Psychoanalytiker«. Vier historische Brennpunkte sollten die Tagung gliedern: das Verhalten der Analytiker vor 1939 (mit Schwerpunkt Deutschland), in der unmittelbaren Nachkriegszeit (England), im Mai 1968 (Frankreich) und in der Konfrontation mit einem totalitären Regime der siebziger und achtziger Jahre (Argentinien).
Hier sollen nur einige Schlaglichter auf Themen geworfen werden, die für mich persönlich besonders interessant waren.
Im einleitenden Vortrag über die Entwicklung der Psychoanalyse in den ersten vierzig Jahren dieses Jahrhunderts ließ sich Geoffrey Cocks nach kenntnisreichen Ausführungen zu der kühnen Schlußfolgerung hinreißen, die richtig verstandene Psychoanalyse könnte die Nachfolge der Philosophie als integrierende und Orientierung gebende Metawissenschaft antreten. Neben vielen anderen kritischen Stimmen aus dem Auditorium war Ludger Hermanns' Kommentar hierzu besonders aktuell und anschaulich: Er berichtete, daß er bei Vorträgen in der DDR im Frühjahr dieses Jahres ein geradezu gieriges Interesse an der Psychoanalyse wahrgenommen habe: bei ihm sei der Eindruck entstanden, daß für viele Intellektuelle die Psychoanalyse ein durch den Zusammenbruch des »Sozialismus« zustandegekommenes Ideologievakuum ausfüllen sollte. Hermanns schloß seinen Diskussionsbeitrag mit der Vermutung, daß Psychoanalyse, als Ideologieersatz benutzt, blind mache.