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Im Jahre 1945, noch vor Beginn der Nürnberger Prozesse, forderte der damals weitgehend unbekannte Alexander Mitscherlich in einem bis heute unveröffentlichten Memorandum eine psychologische Untersuchung der Kriegsverbrecher: »Aufgabe der Wissenschaft mit ihren psychologischen Methoden« sei es, »die Seelen dieser Männer in ihrer ganzen Durchschnittlichkeit und Erbärmlichkeit zu zeigen«. Gerade die Psychoanalyse sei bestens geeignet, »das Bild, das sich die Menschen der Gegenwart, vor allem aber die Deutschen« von den NS-Tätern machten, zu korrigieren: »Sie kann zeigen, daß es sich um kleine, nicht um große Männer handelte. Sie liefert dem Historiker die verläßlichen Unterlagen für die Persönlichkeitsschilderung.«
Unverkennbar enthält Mitscherlichs Argumentation eine Hypothese, die mit den seinerzeit kurrenten Entlastungsmythen, an die sich ein Großteil der ehemaligen Mitläuferschar klammerte, kollidieren mußte: Weder sei »man« dem Zauber »großer Persönlichkeiten« erlegen noch irgendwelchen »Ungeheuern« aufgesessen. Das Rätsel einer Persönlichkeitsstruktur, wie sie im nationalsozialistischen Führertypus gleichsam rein auskristallisiert vorliegt, sei nicht im Bereich des Monströsen, sondern eben des Durchschnittlichen zu suchen und analytisch aufzulösen. Implizit ist damit eine Option auf das formuliert, was man heute »psychohistorische Forschung« nennen würde, explizit die Psychoanalyse als ein kultur- und geschichtsdiagnostisches Instrument definiert.