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Der französische Soziologe Michael Pollack forscht im Rahmen des Nationalen Instituts CNRS über soziale Identität in Extremsituationen. Seine letzte Arbeit war der Situation Homosexueller angesichts von AIDS gewidmet. Nun hat er ein in Frankreich vielbeachtetes Buch veröffentlicht, in dem er Interviews mit KZ-Überlebenden vorstellt und diese bezogen auf seine Fragestellung analysiert: In welchem Verhältnis stand das physische Überleben der Inhaftierten zu deren Selbstbild und Möglichkeiten, die eigene Identität im Vernichtungslager wenigstens teilweise behalten zu können?
Michael Pollack stellt zunächst Gespräche mit drei Jüdinnen vor, die in Auschwitz-Birkenau inhaftiert waren. Alle drei berichten von dem Initial-Schock bei der Ankunft im Lager nach dem entbehrungsreichen Transport, ein Schock, der vielen Lagerhäftlingen die Kraft zum Weiterleben, die Kraft zum Überlebenskampf nahm: abrupte Trennung von Familienangehörigen, von den eigenen Kindern, von Bekannten und Freunden; nackt ausziehen, eiskalte Dusche, Kahlrasur, Tätowierung, unförmige Häftlingskleidung, wüste Beschimpfungen. Ruth, eine der im Band ausführlich vorgestellten Jüdinnen, bekam bei ihrer Ankunft in Auschwitz zu hören: »Siehst du die Wolke da, das sind deine Eltern, die verbrannt werden.«. »Ich habe das gehört,« berichtet sie, »aber verstanden, nein, verstanden habe ich es nicht« (S. 100).
Ruth stammt aus Berlin. Die deutschen Jüdinnen wurden bei den oft lebensrettenden Tätigkeiten in der Lagerverwaltung bevorzugt. Im zweiten Teil seines Buches weist Pollack auf die große Bedeutung bestimmter Parameter der Identität der Häftlinge hin, wie Geschlecht, Beruf, Alter, Gesundheitszustand und Nationalität. Er schreibt über die Vorteile deutscher Jüdinnen: »Dazu kam überhaupt ein Vorteil durch die Sprachkenntnis, aber noch mehr das implizite Verständnis der Disziplin und der im Lager herrschenden Ordnung. Man kann von einem gemeinsamen Erziehungshintergrund sprechen von denen, die die Lagerornung