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Mit Freuds Briefen an seinen Jugendfreund Eduard Silberstein ist ein neuer Zugang zu seiner Schul- und Studienzeit eröffnet worden. Sie umfassen die Jahre 1871-1881 und zeigen einen geistreichen, in literarischen Anspielungen schwelgenden Stilisten, dem schon sein Abiturlehrer einen »idiotischen«, d.h. eigenwilligen Stil bescheinigte. Sie spiegeln die Spannungen eines Adoleszenten, der sich in Witz und Satire Luft macht und dabei humanistische Bildung lebendig aneignet und erprobt. Für jeden an der Persönlichkeit des Schöpfers der Psychoanalyse Interessierten bieten sie eine kurzweilige Lektüre: neben Studien- und Theatererlebnissen finden sich hier schon Rezepte aus Freuds »psychologischer Hausapotheke«, die Schilderung und Begründung eigener Fehlleistungen, philosophische Betrachtungen, aber auch die Metamorphose des schüchtern Verliebten zum mikrologischen Erforscher der männlichen und weiblichen Sexualorgane von 400 Aalen.
Diesen Briefen an den um eineinhalb Jahre jüngeren Freund, der in Wien das Leopoldstädtische Gymnasium eine Klasse unter Freud besuchte, Jura studierte und Bankier wurde (vgl. Freud, 1968, S. 103ff.), eignet eine formbewußte Architektur (S. 58f.), die sich an humoristischen Autoren orientiert. Zum Leidwesen des Historikers, jedoch im Einvernehmen mit der Gattungspoetik, stehen im Zentrum der Briefe weniger Ereignisse und Tatsachen als die damit assoziativ verbundenen Gedanken und Gefühle (S. 16 und 69). Über alle Dinge, die Freud durch den Kopf gehen (S. 31) und die ihm am Herzen liegen (S. 57), möchte er schreiben und sich mitteilen. Im literarischen Medium des Briefwechsels, der nur zwei Personen umfaßt, wobei der jeweilige Schreiber monologisch und dennoch auf den Korrespondenzpartner gerichtet sich ganz seinem Gedankenfluß überlassen kann, erscheint eine Praxis, die später in der psychoanalytischen Situation intensiviert und bewußtseinskritisch vertieft wird. Einen formbildenden Einfluß auf die beiden Briefschreiber übt insbesondere eine st