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»Das Kind braucht die Wahrheit, und es hat ein Recht darauf. Die Wahrheit zu hören, ist oft schmerzhaft; aber wenn sie gegenseitig praktiziert wird, ermöglicht sie dem Kind, seine Persönlichkeit zu organisieren, Mensch zu werden.« In diesem Satz ist das enthalten, was Françoise Dolto das Wahrsprechen (parler vrai) nennt, eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Umgang mit Kindern in jedem Alter. In die »Fallstudien zur Kinderanalyse« sind 40Jahre Erfahrung mit psychisch schwer gestörten Kindern eingegangen. Dolto schildert, wie sie mit zum Teil sehr unkonventionellen Methoden Kinder am Sterben hinderte, ihnen ermöglichte, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nie hat sie an ihrer Einsicht gezweifelt, daß Kinder — so klein sie auch sein mögen — alles verstehen. »Die Spuren der Worte bleiben, genau wie Erinnerungen an Haut, Gerüche.« Am Beispiel eines anorektischen Säuglings schildert sie ihr Vorgehen. Es war ihr erster Fall dieser Krankheit. Sie war ratlos, was mit diesem 14 Tage alten Säugling zu tun sei, der die Brust verweigerte und schon weit unter seinem Geburtsgewicht angelangt war. Dolto läßt die Mutter, auf deren Schoß der Säugling kauert, reden, läßt sie ihre Probleme schildern. Dann wendet sie sich an den Säugling, nennt seinen Vornamen: »Du hast gehört, was deine Mama gesagt hat; so lange du in ihrem Bauch warst, ging alles gut für dich. Am Anfang hast du auch nach ihrer Milch gerufen und getrunken. Dann hast du gehört, — zur gleichen Zeit wie deine Mutter —, daß es zuhause mit deinen großen Geschwistern Probleme gibt. Vielleicht hast du darauf hin gedacht: Arme Mama! Ich muß wieder in den Bauch zurück, denn da lief alles gut.«
Natürlich fragt die Mutter ungläubig: »Glauben Sie, daß sie es verstehen kann? Sie hört noch nicht, sie ist ganz klein.« Darauf spricht Dolto das Kind an: »Wenn du hörst, was wir über dich sagen, dann drehe den Kopf zu mir her, damit deine Mama versteht, daß du intelligent bist und sie gern hast.« Und das Kind reagiert. Am nächst