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Nach Glasnost, Perestroika und der deutschen »Wiedervereinigung« — die zu großem Teil dem Gewährenlassen der Sowjetunion zuzuschreiben ist — war es an der Zeit, einmal etwas über das gegenwärtige Selbstverständnis von Russen und Deutschen, über ihre wechselseitige Einschätzung zu erfahren. Zwei sozialpsychologische Forschungsteams unter der Leitung von Horst Eberhard Richter, Gießen, und GalinaM. Andreeva, Moskau, haben sich vor kurzem diesen Fragen eingehend gewidmet.
Wie lauten nun die Ergebnisse, die übrigens mit Hilfe des Gießen-Textes eruiert wurden? Wie schätzen sich Russen und Deutsche selbst ein? Beiden Völkern ist »ihre innere Welt« (S. 40) wichtig, der Phantasie wird große Bedeutung zugemessen. Auf beiden Seiten sei bei den Frauen mehr Emotionalität festzustellen. Obwohl die Russen offener sind, erachten sie den Konkurrenzkampf nicht grundsätzlich als schlecht. Ihre Selbsteinschätzung liegt allerdings deutlich unter der der Deutschen. Erstaunlich ist, daß die Religion trotz jahrzehntelanger Unterdrückung in der Sowjetunion fast genauso wichtig ist wie in Deutschland.
In einem zweiten Teil sind die Antworten auf weitere ca. 40 Fragen, politischer Art diesesmal, nachzulesen. Auf den Tenor dieses Abschnittes deutet schon der Untertitel des Buches hin: Alte Feindbilder weichen neuen Hoffnungen. Die positiven Erwartungen überwiegen. Hinsichtlich der sozialen Gerechtigkeit im eigenen Land ist man allerdings weniger optimistisch: 90 Prozent der Russen meinen, daß es zu ungerecht in ihrem Land zugeht, und immerhin 45 Prozent der Deutschen sagen dasselbe für ihre Heimat. Während die Deutschen die Lage ihrer Nachbarn milder beurteilen als diese selbst, sehen die Russen korrelativ dazu die Zustände in Deutschland durchweg als positiv an.
Für wichtig hält man die Vergegenwärtigung der eigenen, unliebsamen Geschichte. Mit dieser Bereitschaft der jüngeren Generation, die ausschließlich interviewt wurde, sei — so die Autoren — ein höheres Maß an Gesellschaftskritik verbunde