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Der Briefwechsel, den Freud mit dem Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger, dem späteren Begründer der Daseinsanalyse und Leiter des von Großvater und Vater übernommenen Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen bei Konstanz, führte, ist nicht sehr groß, obwohl er sich über 30 Jahre erstreckte. Er umfaßt 195 numerierte Stücke (von denen 16 verschiedene Drittpersonen als Absender oder Adressaten haben), darunter 114 von Freuds Hand. Der Eindruck mittleren Umfangs bleibt, auch wenn man bedenkt, daß etwa die Hälfte der Schreiben Binswangers verloren ist. Aber die bloße Menge sagt nicht alles. Freud wandte sich seinen Partnern zumeist intensiv zu, so daß auch seine »kleinen« und »mittleren Briefwechsel scharf und besonders geprägt erscheinen. Für den mit Binswanger gilt das in höchstem Maße. Er hat einen Zauber eigener Art, der ihn vor manchem »größeren« auszeichnet und der mit der Eigenart der Beziehung zwischen den beiden Korrespondenten zusammenhängt.
Eine weitere Beobachtung, zur Dichte des Materials, führt ins Zentrum dieser Beziehung: 102 der erhaltenen Mitteilungen stammen aus sechseinhalb Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, 14 wurden im Krieg verfaßt, der Rest verteilt sich auf die zwei Jahrzehnte bis zu Freuds Tod. Das Jahr 1914 markiert also einen Einschnitt, dem anders als in anderen Fällen 1918/19 keine Wiederaufnahme der Korrespondenz auf der Vorkriegshöhe folgte. In dieser äußeren Kurve spiegelt sich eine innere der Freundschaft wider. Sie lief nach einer Klimax 1912 auf eine gegenseitige Enttäuschung hinaus. Freud suchte den Mitstreiter, der Binswanger nicht werden wollte. Dieser suchte eine große Vaterfigur, die Freud nur in Grenzen zu spielen bereit war. Binswanger zog eine Art Fazit, als er 1932 Martha Freud und Minna Bernays bei einem Wienbesuch von seiner »unglücklichen Liebe zu Freud« erzählte (S. 268). Der letztere zog sein Fazit, als er 1929 in einem Brief schrieb:
»Ganz abweichend von vielen anderen haben Sie nicht zugelassen, daß Ihre intelle