You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Es ist heute eine hoch umstrittene Frage, zu welchem Ausmaß die aus direkten Beobachtungen bestehende Forschung der frühen Kindheit und die darauf aufgebauten theoretischen Erkenntnisse uns dazu zwingen, die psychoanalytische Theorie über die Fundamentalschichten des Innenlebens radikal zu revidieren, und somit auch die Technik der Behandlung entscheidend beeinflussen müssen. Es gibt manche, wie Arlow und Brenner, die diese Ergebnisse als irrelevant für die Theorie und Praxis der Psychoanalyse behandeln. Daneben treten andere auf, wie Stern und Lichtenberg, die sie als eine eigentliche Revolution betrachten. Diese Kontroverse betrifft ganz besonders auch den Kern der klassischen analytischen Theorie, nämlich die Lehre von Trieb und Konflikt.
So fordert Daniel Stern in seinem klassischen Werk The Interpersonal World of the Infant (, S. 238; zitiert von Lichtenberg, S. 5 f.) eine radikale Neuformulierung der Motivationslehre: »Die klassische Trieblehre hat sich der empirischen Forschung als unzugänglich (unoperationalizable) erwiesen und ist für die Säuglingsbeobachtung ohne großen heuristischen Wert geblieben. Ohne Zweifel brauchen wir den Begriff der Motivation, doch muß dieser eindeutig neu gefaßt werden, und zwar in Form von mehreren gesonderten, wenngleich miteinander verknüpften Motivationssystemen, wie dem der Bindung, der Lernerfahrung, der Neugier usw. Die Annahme, daß alle Motivationssysteme von einem einzigen und umgreifenden Motivationssystem abgeleitet werden könnten, hilft uns dabei nicht.«
Entsprechend besteht nun im vorliegenden Buch die Absicht des Psychoanalytikers und Theoretikers Lichtenberg, der sich mit anderen Werken schon als ein Meister der Integration von Ergebnissen der Säuglingsforschung mit denen der klinisch-psychoanalytischen Erfahrung und der Theoriebildung erwiesen hat (wie er gegen Ende dieses Buches bemerkt), darin, »den Psychoanalytikern zu ermöglichen, Motivation so zu erfassen, daß diese [neue] Erklärungsweise die Theorie der zwei G